Wozu benötigen wir Verstand und Vernunft?
Wenn wir uns mit anderen Raubtieren vergleichen, haben wir - körperlich gesehen - erhebliche Nachteile. Wir haben weder scharfe Klauen noch Reißzähne, die uns beim Überleben helfen. Doch der Verstand hilft uns nicht nur, diese Nachteile auszugleichen, sondern darüber hinaus die rein physischen Voraussetzungen unwichtig zu machen.
Wir können uns beispielsweise Werkzeuge erschaffen, welche die Funktion von Reißzähnen imitieren oder deren Effizienz sogar noch übertreffen. So mag ein Messer der Idee eines Reißzahns noch ähneln, nur ist es durch seine Beweglichkeit in der Hand eines Menschen wesentlich flexibler und effektiver.
In diesem Sinne ist der Verstand zunächst deinem Überleben dienlich. Doch das reine Überleben führt noch nicht zu einem blühendem Leben. Auch sein Gegenstück - der Emotionalismus - kann dich nur in die Irre führen. Emotionalismus meint, seine Handlungen primär an den eigenen Trieben bzw. den ansozialisierten Emotionen auszurichten. Aber warum soll es schlecht sein, sich an seinen körperlichen oder ansozialisierten Trieben zu orientieren?
Triebe und Emotionen orientieren sich primär an der Befriedigung momentaner Bedürfnisse. Damit schrumpft ihr Zeithorizont rund um den Gegenwartspunkt zusammen. Gelerntes (Vergangenheit) oder Ziele (Zukunft) werden nicht oder nur sehr unzureichend erfasst. Damit lässt sich weder ein konsistentes Weltbild entwickeln, noch Sinn im Leben gestalten.
Erst der Verstand und die Vernunft befähigen dich, die Wirklichkeit und deine zukünftigen Möglichkeiten zu erfassen und zu lernen, sie nach deinem Willen zu formen. Auch das assoziative Denken gehört dazu, wenn es in den passenden Situationen angewendet wird (was wiederum der Verstand überprüft). Denn hier handelt es sich um die Quelle der Kreativität und der Freude an Neuem.
Der Gegenbegriff zu Vernunft ist nicht der Verstand oder das assoziative Denken, sondern der Emotionalismus.
Die Vernunft ist die Chance, eine Vision vom "blühendem Leben" zu erschaffen und zu realisieren. Denn die Frage, ob bzw. welchen Sinn unser Leben hat, stellt sich erst dann, wenn wir unser Leben als Ganzes in den Blick nehmen. Wer nur von Tag zu Tag lebt, vermag die Idee eines Lebenssinns weder zu sehen, noch zu verstehen.
Die Stufe der Vernunft setzt den Gebrauch der beiden vorher genannten Stufen voraus, also das assoziative Denken und den Verstand. Wird eine der Stufen ausgelassen oder verdrängt, kann die Stufe der Vernunft nicht erreicht werden.
"Die Vernunft, als das höchste Vermögen des Menschen, schwebt über zwei Erfordernissen wie ein Gebälk, deren keines fehlen darf, wenn es nicht sinken soll. Sie bedarf ebensowohl einer klaren Auffassung der Außenwelt, als jenes inneren Schöpfungsvermögens neuer Begriffe."
(Arnold Rudolf Karl Fortlage)
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