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Lügen aus Höflichkeit

Ehrlichkeit und Höflichkeit

Es wird immer wieder das Vorurteil formuliert, dass ehrliche Menschen oft unhöflich sind, da sie sich und andere mit den harten Tatsachen konfrontieren. Doch Ehrlichkeit und Höflichkeit schließen sich nicht aus. Keiner ist gezwungen seine Meinung im schroffen Ton oder gar beleidigender Form vorzutragen. Ganz im Gegenteil. Es gibt viele Möglichkeiten, Fakten höflich und sachlich zu formulieren:

  • Die Wahl des richtigen Zeitpunktes und Ortes: Wenn ein Gespräch ansteht, überlege dir, zu welchem Zeitpunkt es stattfinden soll, welchen Ort und welches Ambiente du wählen willst, damit du dich selbst und auch der andere sich wohlfühlen kann. Eine Konfrontation zwischen "Tür und Angel", in einer Situation, wo du selbst kaum Zeit hat, ist mit hoher Sicherheit zum Scheitern verurteilt.
  • Die Wahl des richtigen Tones: Du kannst dem anderen sagen, dass es nicht darum geht, ihn niederzumachen, sondern darum, ein Problem zu klären.
  • Die Wahl der Gesprächspartner: Wer sich gegen ein solches Gespräch immer wieder wehrt, dem solltest du mitteilen, dass du in Zukunft solche Themen nicht mehr ansprechen wirst. Auch das ist ehrlich - keiner hat das Recht den anderen zum Zuhören zu zwingen. Handelt es sich um eine Person, die dir nahe steht, wird sie vermutlich an diesem Punkt einlenken und darauf bestehen, dass ihr ein ehrliches, wenn auch unbequemes Feedback wichtiger ist, als gar kein Feedback.

Lügen, um die Gefühle anderer nicht zu verletzen?

Es gibt Situationen, wo gelogen wird, um eine gesellschaftliche Etikette oder einen anderen Menschen nicht zu verletzen. In solchen Fällen spricht man gerne von Höflichkeitslügen. Die Palette der Beispiele ist lang:

  • Freude vorspielen über ein hässliches Geschenk,
  • jemandem Komplimente über sein Aussehen zu machen, obwohl sich derjenige unvorteilhaft kleidete,
  • das Essen zu loben, obwohl es nicht schmeckte,
  • eine Ausrede erfinden, um einer Einladung nicht folgen zu müssen.

Können Höflichkeitslügen gerechtfertigt werden? Ein häufig genanntes Argument ist, dass Höflichkeitslügen deshalb o.k. sind, da nicht viel auf dem Spiel steht. Es sind nur kleine Verzerrungen der Wirklichkeit, die keine große Bedeutung haben. Doch auf welcher Grundlage lässt sich entscheiden, welche Bedeutung eine Lüge hat? Sind Lügen aus Höflichkeit wirklich bedeutungslos?

Konsequenzen von Lügen

Meist wird gelogen, weil die Wahrheit Unannehmlichkeiten befürchten lässt. Aus Bequemlichkeit oder Feigheit verleugnet man die eigene Meinung. Doch ist es wirklich entscheidend, wie groß der befürchtete Schaden einer Lüge ist? Ist der eigene Komfort und die eigene Bequemlichkeit wichtiger, als die Wahrheit zu sagen?

Hier ist die Frage, wie langfristig oder kurzfristig ein Mensch denkt. Mit einer Lüge kann man manchmal kurzfristig Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen. Aber Unwahrheit mindert das Leben, weil damit Situationen oder Konsequenzen falsch dargestellt und die Falschheit permanent aufrecht erhalten werden muss, was letztlich wieder auf Selbsttäuschung hinausläuft.

Akzeptiert man Bequemlichkeit als Grund zu lügen, dann akzeptiert man damit alle Arten von Lügen.

Ein artiges Nicken auf die Frage hin, ob es geschmeckt hat, ist bequemer, als Kritik zu äußern. Wer Kritik übt, läuft Gefahr seine Meinung begründen zu müssen und riskiert damit eine negative Reaktion des Gastgebers. Vielleicht wird man in ein längeres Gespräch verwickelt oder provoziert eine peinliche Situation. Insofern ist Ehrlichkeit auch manchmal mit Energie und Aufwand verbunden, seine Meinung in einem längeren Gespräch zu vertreten. Nur wer Interesse an sich und an anderen Menschen aufbringt, wird bereit sein, ehrliches Feedback zu geben.

Lügen, damit gesellschaftliche Konventionen eingehalten werden?

Ein anderes Argument, warum Höflichkeitslügen erlaubt sein sollen, nimmt Bezug auf gesellschaftliche Konventionen. Ein Beispiel für solch eine Konvention ist, das Essen im Restaurant zu loben. Wenn der Kellner fragt, ob es geschmeckt hat, werden nur wenige Menschen antworten: "Nein, die Suppe war versalzen". Wird hier der Anstand verletzt, wenn man die Wahrheit sagt?

Gesellschaftliche Konventionen, d.h. soziale Regeln innerhalb einer bestimmten Gruppe von Menschen, sind vieldeutig. Wenn du mehrere Menschen fragst, welche Höflichkeitslügen innerhalb einer bestimmten Gruppe erlaubt sind, so erhältst du die unterschiedlichsten Antworten. Die einen sehen überhaupt kein Problem darin, das Essen zu kritisieren, andere lehnen das wiederum konsequent ab.

Wie wahrhaftig muss ich tatsächlich sein? Welche Höflichkeitslügen sind erlaubt, welche nicht? Muss ich sagen, dass es gut geschmeckt hat, oder ist es hier erlaubt, eine Kritik zu äußern? Muss ich mich für ein hässliches Geschenk bedanken oder reicht es, wenn ich demjenigen sage, dass ich mich über seine Geste des Schenkens freue? Welche Lügen sind erlaubt? Sind die gesellschaftlichen Konventionen eine Übereinkunft des entsprechenden Landes oder einer Region oder nur einer bestimmten Gruppe? Unterschiedliche Gruppen haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Offenheit untereinander geregelt wird. Darf nur das Familienoberhaupt wahrhaftig sein oder auch die Kinder? Hängt Offenheit von einer bestimmten Position ab? Von welcher?

Solche Fragen lassen sich beliebig fortsetzen. Auffällig ist, dass du keine endgültigen Antworten bekommen wirst. Einen verbindlichen Rahmen für Höflichkeitslügen festzustecken, ist unmöglich, was auch die Praxis zeigt. Keine Gesellschaft oder Gruppe akzeptiert ein Vertrauen, das Höflichkeitslügen zulässt. Wer bei Höflichkeitslügen erwischt wird, dem wird mit Vorsicht begegnet, denn man weiß nicht, ob er auch in anderen Situationen lügt.

Höflichkeitslügen schaden dem anderen

"Hand auf Herz" - in Wahrheit sind wir überhaupt nicht sicher, ob sich solche Lügen auf den Anstand beziehen. Was steckt hinter dem Anstand bzw. hinter den konstruierten Konzepten, die Höflichkeitslügen zu rechtfertigen versuchen? Die Antwort ist: Es geht auch hier letztlich darum, die Gefühle anderer Menschen nicht zu verletzen, um sich selbst nicht in eine unangenehme Situation zu bringen. Doch damit schließt sich der Kreis um die Höflichkeitslügen noch enger. Wenn man aus Höflichkeitsgründen lügt, um sich selbst zu bevorteilen, dann sollen Höflichkeitslügen nicht erlaubt sein. Wenn man hingegen aus Höflichkeitsgründen lügt, um andere nicht zu beleidigen, dann sollen sie zulässig sein?

Es verletzt meine eigenen Gefühle, wenn mir mein Chef sagt, dass ich nicht befördert werde und noch mehr verletzt es mich, wenn ich weniger Geld für meine Leistungen erhalte. Es verletzt mich, wenn ich keinen Platz in einer Schule, Studium oder einer Mannschaft bekomme. Die Diagnose meines Arztes ist mir sehr unangenehm und wenn mich mein Partner verlässt, gerate ich in eine große Krise.

Wir sehen, dass Gefühle weit davon entfernt sind eine zuverlässige Grundlage dafür zu sein, das Leben zu fördern, unabhängig davon, ob es das eigene Leben oder das Leben anderer Menschen betrifft. Das Gegenteil ist der Fall. Die Wahrheit zu sagen, ist in diesem Beispiel für eine Firma, Schule oder Mannschaft lebenswichtig, damit sie ihre Standards beibehalten kann und damit ein Mensch, der diese Standards nicht erfüllt, weiß was er zu lernen hat. Lügen, um die Gefühle anderer zu beruhigen, würde jegliche Art von Lügen rechtfertigen und damit das Handlungsprinzip der Ehrlichkeit zurückweisen.

Höflichkeitslügen benachteiligen den angeblich "Begünstigten", indem sie ihm falsche Informationen geben. Denn man bestärkt ihn in seiner Einschätzung, ein guter Koch zu sein, geschmackvolle Geschenke machen zu können oder ein guter Mitarbeiter zu sein. Demzufolge wird der Betreffende sich weder Mühe geben, besser zu kochen, noch sich Informationen zu holen, welches Geschenk denn gut ankommen könnte, noch seine Leistungen in der Arbeit zu verbessern. Eine Person vor der Wirklichkeit abzuschirmen, hilft ihr nicht, es schadet ihr.

Fehlinformationen halten Menschen davon ab, ihre Fähigkeiten zu erkennen, ihre Verdienste und Leistungen zu überprüfen oder ihre Handlungen zu verändern. Fehlinformationen halten Menschen davon ab, sich selbst und damit ihr Leben zu verbessern.

Menschen sind unterschiedlich. Das macht das Leben eigentlich erst spannend. Wenn man diese Unterschiede durch Höflichkeitslügen verwischt, so wirkt sich dieser Mangel an Offenheit negativ auf die Beziehungen mit anderen Menschen aus. Je enger diese Beziehung ist, desto dramatischer die Wirkungen.

"Die Lüge ist wie ein Schneeball, je länger man sie wälzt, desto größer wird sie." (Martin Luther)

Du denkst, dass ihr beide, dein Lebenspartner und du, ähnliche Dinge wichtig findet. Du denkst, dass ihr euch darüber einig seid, einen schönen gemeinsamen Abend verbracht zu haben. Du denkst, dass der andere deine Ideen wirklich gut findet. Fakt ist aber, dass das alles nicht der Fall ist! Damit wird die Nähe zu einem anderen Menschen nur vorgetäuscht.

Gute Absichten, aus Gründen der Höflichkeit zu lügen, bewirken also gerade das Gegenteil von dem, was sie vorgeben, bewirken zu wollen. Man drückt damit nicht seine Wertschätzung gegenüber einem anderen Menschen aus. Man sorgt für Misstrauen, Misserfolg und nur für gekünstelte Nähe.

Wie am Anfang schon beschrieben, schließen sich Höflichkeit und Ehrlichkeit nicht aus. Du kannst die Wahrheit unhöflich, aber auch höflich formulieren. In Zweifelsfall hast du immer noch die Möglichkeit, bestimmte Themen zu meiden.

Dass einem ein Geschenk nicht gefällt, muss nicht vor allen Teilnehmern eines Geburtstagsfestes gesagt werden. Wenn ein Mitarbeiter schlechte Leistungen vorweist, so kann ihm das unter vier Augen mitgeteilt werden. Man hat immer die Möglichkeit, ein entsprechendes Ambiente und einen passenden Zeitpunkt zu wählen, wo ein kritisches Feedback gut aufgenommen wird.

Ehrlichkeit zeigt, dass du Respekt vor dem anderen Menschen hast. Denn der andere Mensch ist kein unmündiges Kind, sondern eine erwachsene und lernfähige Person. Menschen, die aus Höflichkeit lügen, bevormunden andere Menschen. Die Belogenen werden so als kritikunfähige Menschen behandelt, die von der Meinung anderer abhängig sind. Ihre zerbrechliche Psyche, ihr sensibles Wesen muss vor der brutalen Wahrheit geschützt werden.

Wenn wir uns diese Konsequenzen klar machen, werden wir zum einen deshalb ehrlich sein, um unser Leben kontinuierlich zu verbessern, um Erfolg zu haben und glücklich zu werden. Ehrlichkeit gegenüber anderen Menschen hilft ihnen, sich selbst in einem klareren Licht zu sehen. Erst dann haben sie die Möglichkeit sich für das Leben zu entscheiden: ihr Verhalten zu ändern, dazuzulernen und dadurch ihr Leben blühend zu machen.

Cassandra, Steven

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