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Altruismus - Selbstlosigkeit

Der im Liber L geforderte "langfristige Egoismus" wird oft mit Hedonismus verwechselt, der lediglich auf einen kleinen Lustgewinn oder die kurzfristige Bedürfnisbefriedigung abzielt. Dabei wird jedoch vergessen, dass die eigenen Gefühle oder Triebe keine verlässlichen Führer zum langfristigen Erfolg sein können. Gefühle orientieren sich an der Gegenwart und vergangenen Erfahrungen und haben die künftigen Möglichkeiten nicht im Blick. Meist sind sie nur eine Reaktion auf das, was wir in unserer Welt vorfinden. Sie wechseln viel zu schnell und sind zu flüchtig, um als verlässlicher Kompass für das eigene Glück dienen zu können.

Aber auch der von den Christen so hoch gepriesene Altruismus ist keine Alternative zum langfristigen Egoismus, sondern dessen Untergang. Die Forderung seinen eigenen Willen bedingungslos einem Gott, einer Kirche, dem Staat oder auch anderen Menschen unterzuordnen, heißt die eigenen Ideale für die Ziele anderer zu opfern. Daher ist die höchste christliche Tugend auch das "Selbstopfer": seinen eigenen Willen zu ignorieren und sich damit den Willen anderer diktieren zu lassen. Folgerichtig kann ein "freier Wille" von monotheistischen Religionen nur als Bedrohung empfunden werden, da er jeder äußeren Instanz das Recht abspricht, über das eigene Leben - dessen Werte und Ideale - zu entscheiden.

Die christliche Forderung "sich selbst für andere aufzuopfern" ist nicht nur widersprüchlich, sondern auch unehrlich. Denn das Selbstopfer wird natürlich auch von den anderen erwartet - die anderen sollen sich für mich opfern. Die Forderung eines Selbstopfers wird offen als Druckmittel missbraucht, anderen Menschen den eigenen Willen aufzuzwingen. Auch wenn das gewöhnlich unter dem Deckmantel der "Allgemeinnützigkeit" verschleiert wird, bleibt selten verborgen, dass hinter dem "Allgemeinwohl" die Interessen von bestimmten Personen stehen, die sich selbst Vorteile auf Kosten anderer verschaffen wollen. Sie gehören zu jenen Menschen, die kurzfristig egoistisch handeln.

So waren es die Bauern, Ritter oder Kinder, die bei Kreuzzügen starben, um den Machteinfluss der Kirche zu steigern. Der Papst ließ sich nie auf einem Schlachtfeld sehen. Es waren die Satanisten, Hexen und Ungläubigen, die auf Scheiterhaufen von Inquisitoren "aus Liebe" verbrannt wurden, damit ihre Seelen gerettet werden. Diese Beispiele mögen extrem anmuten, aber gerade in diesen Extremen zeigt der Altruismus sein wahres Gesicht.

Ein langfristiger, thelemischer Egoismus ist mit dem Altruismus unvereinbar. Denn wer sich selbst nicht für andere opfern will, kann das auch von anderen nicht erwarten. Ein langfristiger Egoist muss seine Probleme selber lösen. Damit ist das Privileg, sein Leben zu gestalten, ein Recht und eine Pflicht zugleich - für den Macher ein Segen und für den Schmarotzer ein Fluch. Denn wer die Verantwortung für seine Welt übernimmt, kann niemand anderen als sich selbst zur Rechenschaft ziehen.

Das größte Glück der größten Zahl

Ein langfristiger Egoist wird, wenn er auf seinem Eigeninteresse besteht, das auch selbstverständlich anderen zugestehen. Und das führt ihn keineswegs in Widersprüche. Warum? Die wahren langfristigen Eigeninteressen von Individuen stehen niemals gegeneinander. Denn die Verbesserung des eigenen Wohlbefinden wird nicht erreicht, indem es anderen schlechter geht. Das Gegenteil ist der Fall: nur wenn es anderen besser geht, wird es mir besser gehen und umgekehrt.

Menschliches Wohlergehen ist kein Nullsummenspiel.

Sicher: Wünsche von Individuen können konfligieren. Ob die jeweiligen Objekte der Begierde aber wirklich förderlich wären, ist eine andere Frage. Aber selbst wenn die Wünsche eines Menschen vernünftig wären, in dem Sinne, dass ihre Realisierung tatsächlich sein blühendes Leben fördern würden. Es ist für dein blühendes Leben nicht entscheidend, was du gerne hättest oder wärst, sondern was du hast und bist. Das heißt: Die rationalen Interessen einer Person müssen sich immer an der tatsächlichen Lebenssituation, dem tatsächlichen Können, den tatsächlichen Ressourcen orientieren.

Wenn ein Mensch zurückgewiesen wird bei einer Bewerbung, heißt das nicht, dass er dadurch Schaden erleidet. Natürlich kann das enttäuschend sein, aber das heißt nicht, dass die Annahme der Bewerbung tatsächlich im eigenen Interesse gewesen wäre. Allein dass jemand auf etwas abzielt, heißt nicht, dass das, worauf er abzielt, letztlich förderlich für ihn ist. Ob etwas förderlich oder schädlich ist, muss objektiv an den Erfordernissen des blühenden Lebens des einzelnen Menschen gemessen werden.

Und: Die Enttäuschung einer Hoffnung schädigt nicht die aktuelle tatsächliche Lebenssituation eines Menschen. Genau genommen ist sogar das Gegenteil der Fall: Ent-Täuschen heißt auch immer, eine Situation oder seine eigenen Fähigkeiten mit weniger Selbsttäuschung beurteilen zu können. Enttäuschungen sind notwendig, um überhaupt hinzulernen zu können, um besser werden zu können: Get real!

Langfristiges Eigeninteresse verlangt, dass man Abstand nimmt von unmittelbaren Wünschen und den größeren Kontext in den Blick bekommt. Und unter dieser Perspektive ist Wettbewerb ein positives Phänomen.

Zum Beispiel kann eine Firma nur überleben, wenn sie zwischen Bewerbern wählen kann, um den besten zu finden. Das bringt mit sich, dass nur ausgewählte Bewerber den Job bekommen. Die Firma muss die geeigneten Arbeitnehmer nehmen, wenn sie langfristig blühend überleben will. Wettbewerb ist im Interesse aller Beteiligten: der Firma, der erfolgreichen Bewerber, der abgewiesenen Bewerber, der Kunden, der gesamten Wirtschaft.

Die weit verbreitete Meinung, dass eine Konkurrenzsituation ein Konflikt ist, ist eine der Illusionen, mit denen Menschen sich selbst das Leben zur Hölle machen. Der Fehler beginnt schon meist damit, dass die Ressourcen (Mittel) für knapp gehalten werden. Warum? Die wichtigste Ressource für menschliches blühendes Leben ist Vernunft. Wissen kann ohne Verlust geteilt werden! Im Gegenteil: Das Teilen von Wissen fördert das blühende Leben.

Die Wahl des Menschen

Wenn wir genauer in die Worte "Tue was du willst sei das ganze Gesetz!" hineinsehen, werden wir entdecken, dass dort ein weiterer Hinweis verborgen ist. Dieses "sei" verweist auf eine Wahlmöglichkeit des Menschen. Es hängt von jedem Menschen selbst ab, ob er seinen Willen zum Gesetz erhebt oder nicht. Du hast also die Wahl, dich für deinen Willen zu entscheiden oder es bleiben zu lassen. Seinem eigenen Willen zu folgen, kann niemandem befohlen werden.

Doch was geschieht, wenn wir nicht unserem Willen folgen? Was ist die Folge, wenn wir keine langfristig denkenden Egoisten werden wollen? Wie sieht diese Wahlmöglichkeit aus, die wir im Folgendem "Grundentscheidung" nennen? Nach welchen Handlungsprinzipien muss ein Mensch leben, der Thelemit werden bzw. blühend leben will?

Mit diesen Fragen werden wir uns in der folgenden Artikelreihe "Thelemische Grundentscheidung und Handlungsprinzipien" beschäftigen. Dann liegt die Entscheidung bei dir, ob du leben willst, oder ob du gelebt wirst.

Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!

Sperber

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