Thelema Leben

Thelema - das ist eine Einstellung zum Leben, zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt - vielleicht ist Thelema eine Religion, aber das hängt sehr davon ab, was Du unter diesem Begriff verstehst.

Diese Einstellung zum Leben läßt sich in den folgenden vier Versen aus dem Liber L vel Legis zusammenfassen:

  • Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.
  • Tu was du willst sei das ganze Gesetz.
  • Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.
  • Der Tod, oh Mensch, ist dir verboten.

Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.

Jeder Mensch, gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe und welcher Überzeugung ist ein einzigartiger Stern im Raum der Menschheit. Ein Stern ist in jeder Hinsicht individuell und unvergleichlich. Er ist autonom und unabhängig, unendlich wertvoll und auf seine spezielle Art bewundernswert.

Stern - das ist eine Metapher für vollkommene Individualität. Aber: wir können uns auch keinen Stern vorstellen, ohne daß da andere Sterne wären. Ein Stern ist immer unendlich weit von allen anderen Sternen entfernt, aber es kann keinen Stern ohne andere Sterne geben.

Und: von jedem Stern im Universum aus gesehen, sieht das Universum vollkommen anders aus, als von einem anderen Stern. Es gibt keine Sicht auf die Dinge, die allen Menschen gemeinsam wäre - jeder lebt sein eigenes Leben, das seine Sicht auf die Welt prägt, und es kann keine zwei Menschen geben, die ein und dasselbe Leben leben.

Tu was du willst, sei das ganze Gesetz.

Deshalb kann es keine Wertvorstellungen, Maßstäbe oder Richtlinien geben, die Du an Dein Leben anlegen könntest, ohne daß Du selbst sie anerkennst.

Als Stern bist Du in dieser Hinsicht vollkommen auf Dich allein gestellt - es gibt nichts und niemanden, der Dir die Verantwortung abnehmen könnte, zu entscheiden, was Du tun willst: Weder Gottesgebote, noch staatliches Recht, Überlegungen von Philosophen oder die Emotionen Deiner Mitmenschen. Solange Du selbst solche Spielregeln nicht anerkennst, sind es nicht Deine Spielregeln.

Für einen Thelemiten heißt dies jedoch gerade nicht: zu tun oder zu lassen, worauf er gerade Bock hat oder wozu er sich getrieben fühlt. Sondern es heißt im Gegenteil gerade, die volle Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen - das heißt: das eigene Handeln daran zu messen, ob man sich am nächsten Tag noch selbst in den Spiegel schauen kann, zufrieden mit sich selbst sein kann und ein gutes Gewissen dabei hat, getan zu haben, was man getan hat.
In diesem Sinne ist Thelema Aufklärung par excellence: der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant).

Vor allem aber bedeutet Thelema dies: das uneingeschränkte Bekenntnis zu sich selbst, zur eigenen Freiheit und zur Verantwortung für das eigene Leben.

Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.

Das Gesetz der Liebe ist die konsequente Folge daraus: denn "es gibt kein Band, das die Getrennten vereinen kann außer der Liebe" (Liber Al, I.41)
"Tu was du willst" ist ein Satz, der für alle Menschen gleichermaßen gilt - für einen Thelemiten ist klar, daß auch alle anderen Menschen nach ihren ureigenen Willen handeln müssen. Und eben darin findet der eigene Wille seine Grenze: es kann nicht der Wille des einen sein, daß andere gegen ihren eigenen Willen handeln.

Liebe bedeutet deshalb mindestens, den anderen als Menschen ernst zu nehmen und anzuerkennen. Das heißt ganz allgemein: bestrebt zu sein, sich in den anderen hineinzuversetzen, die Situation mit seinen Augen zu sehen - und zu sehen, was man dann sieht.

Wenn man diesen Weg geht, eröffnen sich eine unendlich vielfältige und spannende Welten. Kein Mensch erlebt exakt dasselbe wie irgendein anderer Mensch, im Gegenteil sind die Welten, in denen die Menschen leben oft erstaunlich verschieden - auch wenn es an der Oberfläche eines seichten Miteinanders manchmal anders erscheint.

Und: In diesem Spiegel der völligen Andersartigkeit des Anderen bekommt man dann überhaupt erst sich selbst zu Gesicht. Ohne den Gegensatz des Anderen ist es nicht möglich, zu sehen, wer man selbst eigentlich ist - welche Besonderheiten, Eigenarten, Stärken und Schwächen, Grenzen und Möglichkeiten man eigentlich hat.

Der Tod, o Mensch, ist dir verboten.

Das ist zum einen ganz wörtlich gemeint:
"Denke nicht, o König, an diese Lüge, daß du sterben mußt - wahrhaftig, du wirst nicht sterben, sondern leben. Jetzt soll es verstanden sein: wenn der Körper des Königs vergeht, wird er für immer in reiner Ekstase bleiben." (Liber Al, II.21)

... und dabei müssen wir es in diesem Text belassen: Es ist möglich, die Fähigkeit zu entwickeln, den physischen Körper bewußt und kontrolliert zu verlassen, ohne physischen Körper zu überleben - um später, wenn man das will, wieder zu inkarnieren. Dazu notwendig ist die Entwicklung der nötigen Lebenskraft - Kundalini genannt - und einer psychischen Struktur, die diesen Prozeß zu überdauern in der Lage ist. Diese Fähigkeit wird in unserer westlich-wissenschaftlichen Welt verleugnet oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen.

Eine noch etwas, nur wenig andere Perspektive besagt dieser Vers aber auch: daß dem Menschen verboten ist, während der Zeitspanne seiner Inkarnation in irgendeiner Weise "abzubauen".

Wir unterscheiden den biologischen, "kleinen" Tod des physichen Körpers vom psychischen "großen" Tod der Seele. Man kann psychisch sterben, während man biologisch lebt - und an vielen Menschen kann man diesen Prozeß sehr deutlich beobachten. Anstatt die Zeitspanne ihrer Inkarnation zu nutzen, immer mehr Kraft und Freude, Kreativität und Lebendigkeit zu entfalten, geben sie sich irgendwann - in der "Blüte" ihres Lebens - zufrieden und auf.

Als Thelemit dagegen liebst Du das Leben und die Herausforderungen, die es an Dich stellt. Du hast Vorstellungen vom Leben, die weit über die üblichen Vorschläge unserer Gesellschaft hinausgehen, und Du hast eigentlich nie genug Zeit, all das zu realisieren, von dem Du weißt, daß es in Dir steckt und darauf wartet, ans Tageslicht geholt zu werden.

"Ich bin die Flamme, die in jedem Menschenherzen brennt und in dem Kern jedes Sterns. Ich bin Leben und Lebensgeber, doch deshalb ist das Wissen um mich das Wissen vom Tod." (Liber Al, II.6)
"Strebe immer nach mehr!" (Liber Al, II.72)