Thelema - keine neue Weltsicht, eine andere Welt

Vortrag von K. Gierdahl

(Bergen, 7. August 2010, Thelema Society Sommerfestival)
 

Ich fürchte, wir werden Gott nicht los,
weil wir noch an die Grammatik glauben ...

Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung

Thelema - keine neue Weltsicht, eine andere Welt

Thelema ist keine neue Weltsicht. Keine neue Philosophie, keine neue Religion, keine neue Kunst - Kein neues Weltbild, sondern eine andere Welt. Ein Mysterium.

Wir sprechen nicht vom "neuen Äon", sondern vom "anderen Äon". Worin unterscheiden sich "neu" und "anders"? Im Zusammenhang mit dem Äonenwechsel bezeichnen neu und anders etwas völlig Unterschiedliches. Neu ist das Gegenteil von alt. Das Gegenteil. Und anders meint ... ja was denn? Das andere muss etwas sein, das außerhalb der neu-alt Unterscheidung schwebt. Das andere Äon ist keine Fortführung = Optimierung, kein alter Wein in neuen Schläuchen, sondern ... tja, wir wissen verdammt wenig darüber. Mich eingeschlossen.

Mich beschäftigt die Frage nach dem Anderen Äon und ich will euch unsere Sicht so-far dazu näher bringen. Lasst uns zusammen diesen Ansätzen nachgehen, es ist ein Experiment. Ich hoffe, das Labor fliegt nicht in die Luft und wir wissen hinterher etwas mehr :) Und eure Fragen, Gedanken und Einwände sind mir dabei genau so wichtig.
Bei Fragen, Einwänden: meldet euch.

Das Seltsame mit neuen Sachen

Foto: moderner Dyson (-Staubsauger)

Wer von euch hat sich in diesem Jahr ein neues Haushaltsgerät (Computer, Mixer, Lampe..) gekauft? Bitte mal die Hand heben.

Denkt mal an euren ersten Computer oder an das erste eigene Handy... Die ganzen Einstellungen, die man vornehmen kann, und die Tasten und die Maus sind gerade ausgepackt, neu und blitzblank, das Display hat keinen Fleck, keinen Kratzer ...

Kürzlich kauften wir uns einen neuen Staubsauger, einen Dyson. Wir standen beim auspacken um den Karton herum, die Einzelteile wurden herumgereicht, fast ehrfürchtig angefasst, dann wurde das Gerät zusammengebaut. Wenn was nicht sofort passte, HALT! Schau mal in die Gebrauchsanleitung! ... und dann wollte jeder mal probesaugen. Wie elegant, leicht und stark die Bodendüse sich an den Teppich saugte und ihn nicht mehr losließ. So geschmeidig mit einer Hand zu führen. Pass auf, mit der flachen, metallisch glänzenden Düse nicht gegen die Schwelle zu stoßen .... wow. Wer darf ihn einweihen?
1 Monat später saugte ich damit wieder und - das war vor einer Woche - da hatte ich einen guten Sauger in der Hand, aber er ist nicht mehr der ehrfürchtig bediente Star unter den Haushaltsgeräten. Er ist gewöhnlich, er ist nicht mehr neu.

1. Warum Thelema nicht neu sein kann

  • weil alles Neue alt wird
  • weil Thelema sowohl neu als auch alt ist
  • Neu und alt sind Wahrheiten
  • weil der Zusammenbruch und Umbruch, nicht die schrittweise Änderung sich durch die Geschichten der Äonenwechsel zieht
Alles Neue wird zwangsläufig auch bald wieder alt, gewohnt und gewöhnlich, neu sind dann andere Sachen.
Foto: Einer der ersten fahrbaren Staubsauger aus den Jahren um 1915.

Alles Neue wird alt. Das Liber Legis, Thelema sind 106 Jahre alt. Sehr jung für ein Äon, dennoch ... wenn ein Zeitalter menschlicher Entwicklungsgeschichte "neu" in selben Sinn wie ein Staubsauger ist (und was sonst soll "neu" bedeuten?), wird es zwangsläufig auch bald alt, gewohnt und gewöhnlich, neu sind dann andere Sachen. Und mit dem neuen wie mit dem alten Staubsauger machen wir doch dasselbe: in der Wohnung Staub saugen. Schneller, leichter vielleicht, aber es bleibt Dreck einsammeln.
Ähnlich bei einem neuen Computer, den wir mit denselben Programmen bestücken, oder wenn wir mit dem Auto arbeiten und einkaufen oder in Urlaub fahren usw. -- Da ändert sich nichts qualitativ, wir verändern uns dabei nicht.

Das ist eine Metapher gewesen! Unser Thema geht tiefer.

Thelema ist sowohl alt als auch neu. Und Thelema ist weder neu noch alt. Was wir unter Thelema verstehen, kann nicht Neu sein. Wenn wir es dennoch mit dieser Unterscheidung versuchen, dann können wir es höchstens als sowohl brandneu als auch uralt beschreiben.

  • brandneu: Internet, Globalisierung, mehrwertige Logik -- 6.8. 1991: An dem Tag wurde das WWW weltweit zur allgemeinen Benutzung freigegeben.
  • uralt: Gnosis, Ägypten, Kosmotheismus, Voodoo

In Moden/ Zeitgeist ist es nicht zu finden.

"Das Neue", schrieb Mike in Wer-wie-was ist Thelema?, "ist nur die Fortsetzung des Alten mit anderen Mitteln. Das Neue sucht Lösungen für Morgen in Illusionen von gestern. Neu ist zu wenig. Es geht nur noch anders. Warum geht es nur noch anders? Kein Warum! Jedes Warum würde auf die Kritik des Alten hinauslaufen. Es gibt nichts zu kritisieren. Es gibt nur Unterscheidungen, soziale Gebilde, Diskussionen und Verhaltensweisen, die uninteressant geworden sind."

Und noch einmal: was meint, es ist anders?

Der Kern von Thelema ist jenseits von neu-alt. Er ist allzeitig nah oder fern, je nachdem wie er einen Menschen betrifft. Das veräußerlichte Schema von Moden, alt/neu geht am innersten Betroffensein (Ruf bei Heidegger) völlig vorbei. Er bietet Lebensentwürfe, die für das zweiwertige Verstandesdenken nur phantastisch, spinnert, unlogisch sind. Er zeigt Sinn und Erfahrungshorizonte über die biologisch-sinnliche Welt hinaus. Gleichzeitig ist er hier, heute, jetzt lebbar, wenn man ihn als Lebenskompass für sich annimmt. Thelema übersteigt den Horizont an Möglichkeiten, den diese Gesellschaft bietet. Passenderweise spricht das Liber Legis ja auch von der Gesellschaft des Himmels. :)

Neu und alt sind Wahrheiten. Dass es Wahrheit und Falschheit gibt, darauf basiert das alte Äon. Ob das Wahre erkannt oder gemacht oder subjektiv ist, das sind nur Fußnoten: denn jede dieser Annahmen wurde als Wahrheit aufgestellt, alles andere ist falsch. Die Wahr-Falsch Unterscheidung liegt den monotheistischen Religionen und der Philosophie zugrunde. Wahr und falsch sind die Grundpfeiler des alten Äons. Und die Neu-alt Unterscheidung ist eine Spielart der Wahr-Falsch Unterscheidung. Und wir alle sind mit diesem Denken aufgewachsen und haben es verinnerlicht.

Zusammenbruch und Umbruch, nicht die schrittweise Änderung zieht sich durch die Geschichten der Äonenwechsel, sondern die Welt abgefackelt, überschwemmt, mit Feuer und Wasser gereinigt. Als Jugendlicher hatte ich mir eine Bibel gekauft. Ich wollte sie ganz lesen, habe ich nicht geschafft: war zu langweilig. Die Apokalypse war das einzige, das mich in der Bibel interessiert hat. Da war endlich Action, Dramatik, da gings um was.

Apokalypse bedeutet nicht Untergang, sondern Enthüllung. Es ist das erste Wort der „Offenbarung des Johannes”, eines Buches des Neuen Testaments. Ein Visionär enthüllt, was er erfahren hat: wie die alte Welt untergeht und eine andere entsteht. Da ist kein Platz mehr für Fortschritt und Verbesserung, für einen gleitenden Übergang, sondern nur für einen radikalen Bruch. Die Erlösung geschieht durch eine Katastrophe.

und danach? In seinem allerletzten Brief schrieb F. Nietzsche an Jacob Burckhardt:

"Lieber Herr Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwillen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muß Opfer bringen, wie und wo man lebt."

2. ... denn Gott ist auf der Erde

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Alles eben Gesagte deutet nur kleine Aspekte unseres Themas - Anderes Äon - Altes Äon - an. Darum bleiben wir bei Friedrich Nietzsche, von ihm können wir mehr erfahren, erahnen, worin dieser Umbruch besteht. Er hat die Worte dafür gefunden, dass eine Epoche unwiderruflich zu Ende gegangen ist: "Gott ist tot".

Und was machen wir jetzt? Verzweifeln? Nietzsche sagt in Ecce Homo, "es geht darum, dass ewige Ja zu allen Dingen selbst zu sein".

Und derselbe Erzähler verfolgt auch eine andere Spur, es ist die Frage: Was macht das Christentum aus und wie kann es überwunden werden? Im "Antichrist" spitzt er das in folgendem Katechismus zu:

"Katechismus des Antichrist"

Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht.
Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt.
Was ist Glück? - Das Gefühl davon, dass die Macht wächst, dass ein Widerstand überwunden wird.
Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt, sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend).
Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.
Was ist schädlicher als irgend ein Laster? - Das Mitleiden der That mit allen Missrathnen und Schwachen - das Christentum ...

Nietzsche führt hier einen "Todkrieg gegen das Laster" Christentum. Christentum? Warum noch kämpfen, wenn dieses Zeitalter zu Ende ist? Denken wir daran, es geht unter dem Begriff "Christentum" um mehr als die Frage, wieviele Menschen lesen und glauben an die Geschichten der Bibel? Das Laster, von dem Friedrich Nietzsche spricht, tritt in vielen Verkleidungen auf - als fortschrittstrunkene Geschichtsphilosophie, als Pflichtethik, als platonischer Idealismus, als soziale Bewegung, als anarchistischer Egalitarismus, kurz: in allen Manifestationen dessen, was der christlichen Moral als irgendwie erstrebenswert und dem Antichrist darum als verdorben, dekadent vorkommt. Der Antichrist ist da, um "die unterirdischste Verschwörung, die es je gegeben hat" aufzudecken.

Und so sagt er in einer Notiz von 1884,

Jesus: will, daß man an ihn glaubt, und schickt Alles in die Hölle, was widerstrebt. Arme, Dumme, Kranke, Weiber eingerechnet Huren und Gesindel, Kinder - von ihm bevorzugt: unter ihnen fühlt er sich wohl. Das Gefühl des Richtens gegen alles Schöne Reiche Mächtige, der Haß gegen die Lachenden. Die Güte, mit ihrem größten Contrast in Einer Seele: es war der böseste aller Menschen.

Bis hierhin klingt es, als ob Nietzsche in eine wütende Anti-Haltung geht. Er verdammt Jesus, Christentum, seine Geschichte und stellt alldem Zarathustra und Dionysos entgegen. Halt: er stellt sie entgegen? Wenn es das wäre, dann wäre Nietzsche selbst in dem Wahr-Falsch Dualismus gefangen. Er hätte dann nur eine neue Variante darin erfunden. Er wäre ein Anti-Christ, mit dem alle gut umgehen können, ein trotziger Querkopf.

Foto: Friedrich Nietzsche ca. August 1868

An den Spätschriften Nietzsches lässt sich ein anderer Weg nachzeichnen, der von der Todeserklärung Gottes und den harten Urteilen über den Religionsstifter Jesus zu den ganz anders lautenden Formeln seiner letzten Notizen führt: zur Welt, die verklärt ist, weil Gott auf der Erde ist.

Der entscheidende Übergang dafür ist der "Antichrist", als das Buch, wo man erwarten würde, dass Nietzsche sein Urteil aus der "Genealogie der Moral" noch einmal zuspitzt: Jesus als der Schwächling, der sein Ressentiment umbiegt zu einer gleichmacherischen Liebesbotschaft mit Aussicht auf Wiedergutmachtung im dazu erfundenen Himmelreich. Aber es kommt ganz anders. Nietzsche kündigt an, den "psychologishen Typus des Galiläers" zu erhellen. Das läuft aber nicht auf Abrechnung mit dem falschen Trost im Jenseits hinaus, sondern ganz im Gegenteil: Jesus wird zur Figur der bedingungslos gelebten und angenommenen Gegenwart.

Das Himmelreich ist nicht mehr Jenseits, sondern Nietzsche versteht es als Zustand des Herzens, der ganz im Jetzt aufgeht - "es ist überall da, es ist nirgends da". Und was überhaupt "da" ist, darüber entscheidet der "große Symbolist" Jesus, der in seinen Gleichnissen von diesem Aufgehen in der Gegenwart spricht. Hoffnung auf ein Jenseits braucht es nicht mehr. Aus dem "Instinkt-Hass gegen jede Realität" ist die kindlich-schöpferische Bejahung des Lebens geworden. Die eigentliche Gründung des alten Äons und das folgenschwere Missverständnis - Schwachheit und Realitätsflucht - das geht nun auf die Jünger und die Gemeinde über. Sie haben ein Trostpflaster für alle Wehwehchen des Lebens gebraucht und es "Jesus" genannt. Alle Verantwortung für sich selbst haben sie auf ihn abgeschoben.

Der durch Nietzsche so verstandene Jesus rückt an die Figur heran, die ihm für das Ja-Sagen zur Gesamtheit des Lebens stand: Dionysos. Jesus und Dionysos nicht mehr als Gegensatz, sondern sie sind Allbejaher, Akteure in einer großen Erzählung darüber, wie Menschen über sich hinausgehen.

Zeitgleich zum "Antichrist" entsteht "Ecce Homo". Da tritt der Autor Nietzsche selbst in die Rolle des Erlösers ein, wird zum göttlich-schöpferischen Menschen, der seine neue frohe Botschaft als Offenbarung verkündet. Nietzsche beschreibt sich hier als Autor, der "das Schicksal der Menschheit auf der Schulter trägt". Hier sind der biblische Jesus und Dionysos nicht mehr voneinander abzutrennen.

Wie sieht Nietzsche sich selbst? Dazu 2 Zitate,

Als der "frohe Botschafter" weist er nun
"den rechten Weg, den Weg aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben, vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter ... Eben damit bin ich auch ein Schicksal. --"
(aus Nietzsches Bemerkungen zu 'Jenseits von Gut und Böse')

und zur christlichen Moral vermerkt er,

"Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereignis, das nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie aufklärt, ist eine force majeure, ein Schicksal, - er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt nach ihm..."

Das war vor 120 Jahren! Damals war der Kirchenbesuch nicht eine Angelegenheit von ein paar alten Leuten, sondern ein zentrales Element des Lebens. Auf unerhörte Weise identifiziert sich Nietzsche mit dem Göttlichen, beschreibt sich selbst als göttlich. Im "Ariadne" Brief am 1.1. 1889 schreibt er an Cosima Wagner:

"Ich bin unter Indern Buddha, in Griechenland Dionysos gewesen [...] Dies Mal aber komme ich als der siegreiche Dionysos, der die Erde zu einem Festtag machen wird... Nicht daß ich viel Zeit hätte... Die Himmel freuen sich, daß ich da bin... Ich habe auch am Kreuze gehangen..."

Hier identifiziert er sich mit Buddha, Dionysos und Jesus und drückt darin aus: Ich bin ein Schöpfer!

Nietzsche betet keine Wesen an, sondern er setzt sich - hemmungslos - mit Göttern gleich. Können wir heute an Götter glauben? Nein. Genauso wenig, wie wir an Staubsauger glauben. Das nimmt dem Staubsauger nichts weg: wir können ihn wissen, mit ihm umgehen. Wir können auch die Götter wissen. Thelema ist ein Weg zu den Göttern, ein Weg die Götter zu wissen. Nietzsche muss diese ungeheure Möglichkeit bewusst geworden sein, denn in einem seiner letzten Briefe - mit der Unterschrift: "Der Gekreuzigte" - schreibt er:

"Die Welt ist verklärt, denn Gott ist auf der Erde.
Sehen Sie nicht, wie alle Himmel sich freuen?"

Willkommen im Anderen Äon!