Sich und seine Welt erschaffen

Der Mensch ist Schöpfer seiner selbst. Aber deshalb ist er auch Schöpfer der Welt, in der er lebt und die er er-lebt und er-trägt.

Unser Denken basiert auf den Grundsätzen der letzten 2000 Jahre - dem Erdulden der Welt, die so ist, wie sie ist, von Gott geschaffen und für alle Menschen gleichermaßen unveränderbar: es kann in solch einer Welt nur darum gehen, zu erforschen und zu erkennen. Um dann im besten Falle günstigere Wege zu finden, mit der unveränderlichen Welt klarzukommen.

Aber dieses Zeitalter des erduldenden, gekreuzigten Gottes Christus ist nach thelemischer Überzeugung vergangen. Der Herr des Neuen Äons ist Horus - der Gott der Tat und das gekrönte & erobernde Kind.

Der Mensch im Äon des Horus ist nicht mehr der "Hineingeworfene", der die Bürde der Existenz nur erleidet: wir sind nicht mehr als Christus ans Kreuz der Materie genagelt.
Der Mensch im Äon des Horus ist selbst Schöpfer und Schaffender: gekrönt und erobernd - wir erschaffen uns selbst und die Welt, in der wir leben. Und daher kann es für uns in diesem Äon nur ein einziges Gesetz geben: das Gesetz des Willens und der Liebe.

Als Thelemit führst Du Dein Leben: kreativ, schöpferisch, nach Deinem Willen. Und: immer gemeinsam mit Anderen.

Was heißt das?

Thelema ist eine Lebenseinstellung - und wenn man sie einnimmt, hat das eine Vielzahl praktischer Auswirkungen für das eigene Leben.
Es ist nicht möglich, hierüber einen vollständigen Überblick zu geben. Wenn Du Dich dafür interessierst, was Thelema im Leben des Einzelnen bedeutet, frage am besten Thelemiten selbst - denn jeder lebt und erfährt Thelema auf eine andere, persönliche Weise.

Deshalb hier nur eine unvollständige Aufzählung einiger wichtiger Punkte:

  1. Es gibt nichts und niemanden, der für das verantwortlich ist, was Du tust, und auch nicht für das, was Du erlebst - außer Dir selbst!
     
  2. Egal, aus welchen Gründen Du glaubst, tun zu müssen, was Du tust - allein Du hast Dich dazu entschieden. Und egal, wie notwendig oder von außen erzwungen Du eine Situation erlebst, auf die Du glaubst, reagieren zu müssen - Du könntest anders reagieren und niemand anders als Du hat sich entschieden auf diese Situation so zu reagieren.
     
  3. Als Thelemit kannst Du Deine Verantwortung nicht mehr an der Gaderobe eines "Aber so ist es doch!" abgeben, denn Du selbst hast es so gemacht.
     
  4. Wissenschaft, Religion, Magie ... mit ihren unzähligen Spielarten und Weltsichten sind unterschiedliche Arten, die eigene Welt zu konstruieren. Keine davon ist "wahrer" als irgendeine andere, und keine kann den Anspruch erheben, sich mit der "wirklichen Welt" zu befassen, und die anderen als Scheinwelten abtun.
     
  5. Als Thelemit bist Du selbst verantwortlich für Deine Welt und dafür, ob es darin Glück, Freiheit, Magie, die Möglichkeit unendlich langen Lebens, etc. gibt. Deine Wahl für die eine oder andere Weltsicht wird Dir Möglichkeiten eröffnen und veschließen - aber Du bist es, der wählt.
     
  6. Auch Deine Vergangenheit ist nichts, was ist, wie es ist. Du erschaffst Deine Vergangenheit selbst. Mit allem, was dazugehört, und allem, was daraus folgt. Deshalb bist Du vollständig verantwortlich für Deine Vergangenheit und die Gegenwart, die daraus hervorgegangen ist.
     
  7. Aber das ist in der Psychologie längst bekannt: Unser Gedächtnis bildet die Vergangenheit nicht ab, sondern rekonstruiert die Vergangenheit so, daß sie zu unserem gegenwärtigen Lebensumfeld und zu unseren gegenwärtigen Überzeugungen paßt: Gedächtnis ist eine Sammlung von Geschichten.
     
  8. Als Thelemit ist Dir bewußt, daß Deine Vergangenheit aus Geschichten besteht, die Du Dir selbst und anderen erzählst. Du wählst bewußt, welche Geschichten Du wie erzählst, weil aus diesen Geschichten die Möglichkeiten erwachsen, die Du in der Gegenwart für die Zukunft hast.
     
  9. Unsere Beziehungen zueinander sind Resultat unserer Konstruktionen - Teil unserer selbstgeschaffenen Welt.
     
  10. Der Andere, den wir er-leben, ist nicht der Andere selbst, sondern ein Konstrukt, das wir selbst konstruieren - wir konstruieren andere als liebevoll, charmant, streitsüchtig, interessant, uneinsichtig, ... was auch immer.
     
  11. Für Thelemiten ist die interessante Frage nicht: "wie bin ich und wie ist der Andere?" sondern: "Wie konstruiere ich den Anderen und wie konstruiert der Andere mich?" Aus diesen wechselseitigen Konstruktionen ergibt sich eine gemeinsame Geschichte, die ebenso in glücklichster Liebe wie gegenseitigem Schädeleinschlagen kulminieren kann.
     
  12. Von unseren Beziehungen zueinander hängen die Möglichkeiten ab, die wir zur Gestaltung unserer Welt haben. Denn die ständige Konstruktion der eigenen Welt ist nichts Privates, sondern ein sozialer Prozess - ein Miteinander.
     
  13. Deshalb verstehen wir als Thelemiten die Gemeinschaft als Voraussetzung dafür, unsere Welt so konstruieren, um-gestalten und festigen zu können, wie es unserem Willen entspricht - sie ist lebenswichtig, weil ein Leben, das nicht selbstgestaltet ist, für Thelemiten sinnlos ist.
     
  14. Kämpft ihr als Brüder! (Liber Al, III.59)

Something completly different ...

Im Alten Äon des sterbenden Gottes war der Mensch Sklave und Opfer - von Gott geschaffene oder aus dem Affen hervorgegangene Kreatur. Religion, Philosophie und Wissenschaft haben uns 2000 Jahre lang vermittelt, daß die Welt vor allem eines ist: unveränderbar gegeben. Deshalb liegt unserer Gesellschaft, Kultur und Erziehung ... all unserem Denken, Fühlen und Handeln diese Weltsicht zugrunde.

Aber es ist an der Zeit, aufzubrechen - in eine völlig andere Welt:

"Wir ziehen um: Aus den Palästen der Wahrheit, der Sicherheit, der Antworten und der Theorien des Wissens in die Zelte des Suchens, der Fragen, der Flexibilität und Kreativität und der Praxis des Nichtwissens.

Die Paläste der Wahrheit stehen starr auf ihren Hügeln. Ganze Heerscharen von Menschen sind damit beschäftigt sie zu säubern und zu reparieren, sie vor Moder und Zerfall zu bewahren - aber diese Paläste verfallen schneller als sie repariert werden können. Eine grandiose Skyline verfallender Ruinen.

Wir aber packen unsere Zelte des Morgens zusammen. Wir ziehen des Tages durch Berge, Städte und Wälder unbekannter Länder, sehen was noch nie ein Mensch sah, erleben was noch nie ein Mensch erlebte, erschaffen was noch nie zuvor war. Des Abends bauen wir unsere Zelte auf, einsam oder gemeinsam, und am knisternden Feuer der Nacht genießen wir unsere Träume. " (MDE)

(Sven)