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Thelema oder vom Ende her denken

Der berühmteste Satz des Liber L vel Legis, sozusagen die Essenz von Thelema, lautet bekanntlich: "Tue was du willst sei das ganze Gesetz." Wie dieser Satz verstanden wird ist allerdings höchst verschieden. Dabei wird übersehen, daß das Liber Legis sehr genau sagt, wie dieser Satz zu verstehen ist.

Was das Liber Legis mit "Wille" meint ist zum einen durch die Bedeutung von "Thelema", zum anderen durch den "reinen Willen" und zum dritten durch "Erfolg ist dein Beweis" eindeutig bestimmt.

"Das Wort des Gesetzes ist Thelema"

"Thelema" wird gewöhnlich als "Wille" übersetzt - das ist richtig und falsch zugleich. "Thelema" ist im Liber Legis in griechischen Lettern geschrieben, aber die alten Griechen bis hin zu Platon und Aristoteles kannten weder unseren modernen Begriff des Willens, noch Begriffe für Bewußtsein oder Selbstbewußtsein.

Der Wille, so wie wir ihn heute verstehen, wurde von dem christlichen Apostel Paulus erfunden. Für die Antike war die Zeit zyklisch: die Zeitalter wiederholen sich ewiglich. Das war für den christlichen Glauben inakzeptabel, weil das Heilsgeschehen, der Sohn Gottes inkarniert auf Erden, stirbt für die Sünden der Menschen und fährt in den Himmel auf, einmalig sein mußte. Aus der zyklischen Zeit mußte ein lineare Zeit, gipfelnd im Reich Gottes, werden - und die Menschen bestimmten durch ihr eigenes Verhalten wie sie beim Jüngsten Gericht gerichtet werden. Damit waren die Menschen nicht mehr einem Schicksal oder Geschick unterworfen, sondern mußten ihr Leben gestalten, d.h. einen Willen haben.

Als Vorläufer unseres heutigen Willensbegriffs wird von der Altphilologie (Wissenschaft der alten Sprachen) das griechische "boule" angesehen, nicht etwa "Thelema" oder dasVerb "thelo" von dem Thelema abgeleitet ist.

Bei der Übersetzung des griechischen Alten Testaments, der Septuaginta, ins Lateinische wurden "Boule" und "Thelema" mit "Voluntas" (Wille) übersetzt. Dadurch ging die andere und unterschiedliche Bedeutung beider Begriffe verloren.

Der Begriff "Boule" bedeutete ursprünglich Planung, Absicht, Zweck und lag damit unserem heutigen Willensbegriff sehr nahe.

"Thelema" kommt von dem Verb "thelo", welches bei Homer die Bedeutung von bereit sein, belieben, geneigt sein, wünschen, entscheiden und begehren, auch im geschlechtlichen Sinn, hat. Bei Aristoteles bezeichnet "Thelema" das von innen heraus kommende Begehren, auch das geschlechtliche Begehren, allerdings ohne moralische Komponente. Selten taucht Thelema auch im Zusammenhang mit dem Zeugungs- oder Schöpfungsakt eines Gottes auf.

Im Neuen Testament wird Thelema zwar als "Wille" gelesen, aber dieser Wille ist meist der Heilswille, der Schöpfungswille Gottes, der Wille der mit der Tora und dem Nomos, also mit dem Gesetz, identifiziert wird, also: der Wille in dem sich das göttliche Gesetz oder die göttliche Schöpfung äußert, der rechte oder wahre Wille. Eine Nebenkomponente des geschlechtlichen Begehrens bleibt immer noch erhalten, denn wie das Geschlechtsbegehren ist auch der "Wahre Wille" etwas, das aus dem Eigensten kommt und nicht der freien Verfügbarkeit des Menschen unterliegt.

Unterscheiden wir also:

  • Boule: Der auf einen Zweck gerichtete Wille geplanter Handlungen.

  • Thelema: Der Drang zum Tun aus dem Eigensten heraus. Allgemein könnte man es Sinn nennen, das Gesetz der Selbstwerdung aus dem eigensten Begehren heraus, aber in Einklang mit dem Gesetz.

Dieser Willensbegriff ist von dem modernen Willensbegriff, der nur auf das Verwirklichen von Zwecken, egal welchen, abzielt, zu unterscheiden.

"Thelema" ist Wille einerseits als Drang und Begehren, andererseits als Verwirklichung des Gesetzes. Dabei geht es einerseits, wie im Juden- und Christentum, um das von einem Gott bzw. den Göttern erlassene Gesetz dem wir uns zu unterwerfen haben: Wir sind die "Diener des Sterns und der Schlange", wir folgen dem "Liber L vel Legis", d.h. "Buch (des) L oder des Gesetzes". Andererseits gibt es einen essentiellen Unterschied:

  • Das christliche Gesetz schreibt den Menschen vor was sie zu tun und wie sie zu leben haben um das Wohlgefallen Gottes zu finden und nach ihrem Tod in den Himmel zu kommen. Das christliche Gesetz bestimmt, was der Mensch wollen soll.

  • Das thelemische Gesetz schreibt den Menschen vor, daß sie gefälligst einen eigenen Willen entwickeln und diesem folgen sollen. Es ist das Metagesetz: finde dein Gesetz, werde autonom, finde selbst heraus, was du, nach deinem Gesetz, wollen sollst.

Diesen alte Zusammenhang zwischen Thelema und dem Schöpfungsgesetz stellt das Liber Legis explizit wieder her indem es sagt: "Das Wort des Gesetzes ist Thelema." Wir können übersetzen: Der Inhalt (das Wort) des Gesetzes ist schöpferischer Wille (der Gesetz wird). Die Bedeutung von Thelema lautet also: Schöpferischer Wille der Gesetz wird.

"Tue was du willst sei das ganze Gesetz."

Dieser Satz ergibt nicht so viel Sinn wie meist von Thelemiten behauptet wird, denn fast jeder Mensch denkt von sich, daß er tut was er will - und irgendwie kann man den Menschen das Gegenteil nicht so richtig einreden Smiling

Für "Gesetz" können - und müssen - wir "Thelema" einsetzen und es ergibt sich: Tue was du willst sei das Ganze des schöpferischen Willens, der Gesetz wird. Die Bedeutung dieses Satzes erschließt sich vielleicht nicht auf Anhieb, wird aber leicht deutlich wenn wir die Urfassung zugrundlegen:

  • Tue nur, was du willst. Dein Wollen sei das einzige Gesetz deines Handelns.

  • Tue nur, was du willst. Dein schöpferisches Wollen erschaffe das ganze Gesetz deines Handelns.

So ergibt das mehr Sinn, denn in dieser Formulierung haben wir den Unterschied zwischen Boule und Thelema erfaßt. Es geht nicht um irgendeinen Willen, sondern um 1) einen schöpferischen Willen der 2) das für dich geltende Gesetz erschaffen soll.

"Wahrer Wille" und "reiner Wille"

Das Liber Legis verkündet nicht, wie oft behauptet, nur den Wahren Willen, sondern es geht viel weiter indem es uns sagt, daß der vollkommene Wille, der reine Wille, unbefleckt von Zweck, ist. Das ist ein Wille der seinen Zweck nicht außer sich, sondern in sich hat, also ein Wille dessen Zweck in ihm selbst liegt, Selbstzweck ist. Ein Selbstzweck ist ein Zweck, der nicht einem anderen Zweck dient, sondern, sozusagen, sich selbst genügt.

Ein Beispiel für einen Selbstzweck ist das Glück oder die Glückseligkeit. Man will nicht glücklich sein um etwas anderes damit zu erreichen, sondern das Glück ist der Endzweck, der sich selbst genügt und deshalb nicht von einem Zweck befleckt und vollkommen ist. Nun kann man das Glück nicht direkt anstreben und außerdem bedeutet Glück für jeden Menschen etwas anderes. Hier hätte also als Zweck das zu stehen, was dich glücklich macht, sei es Reichtum, Liebe oder was auch immer.

Ein Selbstzweck ist etwas, das seinen Wert in sich trägt und keinen über sich hinausgehenden Zweck hat bzw. nicht Mittel für einen anderen Zweck ist. Paradigmatisch für einen Selbstzweck ist das Kunstwerk. Es hat keinen anderen Zweck als sich selbst. Das gleiche gilt für die Schönheit, die nicht für irgendetwas anderes Zweck ist, sondern "interesseloses Wohlgefallen" (Kant) erzeugt.

Kunstwerk ist hier nicht beschränkt auf die klassischen Künste, sei es Malerei, Musik oder Dichtung. Ein Kunstwerk im Sinne von Thelema kann genauso eine Organisation, eine Freundschaft, ein Wirtschaftsunternehmen oder wissenschaftliche Forschung sein. Entscheidend ist nur, daß das Ziel ein Selbstzweck (Fachbegriff: autotelisch) ist.

Wenn wir uns die Bedeutung von Thelema vergegenwärtigen wird klar, daß Thelema gar kein anderer Wille sein kann als ein autotelischer Wille, denn andernfalls wäre er kein schöpferischer Wille der sein eigenes Gesetz erzeugt, sondern er würde Fremdzwecken (fremden Gesetzen) dienen und unterliegen.

Erfolg ist dein Beweis!

Mit diesem Vers weist das Liber Legis eigentlich auf etwas selbstverständliches hin - das viele Thelemiten nicht wahrhaben wollen. Erfolg bedeutet, daß das eigene tun einen Zweck (Ziel) hat und dieser Zweck verwirklicht wurde. Ein Wille - das gilt sowohl für Boule wie für Thelema, ist immer auf einen Zweck, sei es auch ein Selbstzweck, und damit auf Erfolg gerichtet. Der Erfolg wird gewollt, Mißerfolg kann aber unterlaufen. Erfolg beweist, daß du das richtige getan hast, Mißerfolg beweist, daß du Fehler gemacht hast.

Daraus wird ein weiteres Mißverständnis deutlich, welches Crowley durch mißverständliche Formulierungen gefördert hat. Natürlich ist, wie Crowley formuliert, der eigene schöpferische Wille ein blinder Impuls aus dem Innersten. Das habe ich weiter oben schon herausgestellt. Was auch mein Thelema sei, es ist mein Begehren aus meinen ureigensten Gründen. Es ist keine Wahl unter Alternativen, insofern blinder Impuls. Es ist eine Wahl die nur angenommen oder um den Preis der Selbstaufgabe abgelehnt werden kann. Wird die alternativlose Wahl angenommen bestimmt sie fortan - was im Leben wirklich wichtig ist.

Aber das ist kein Impuls zu einer direkten Tat, sei es ficken, fressen oder morden. Es ist ein Impuls der auf einen Zweck, genauer auf einen Selbstzweck, zielt, den es durch den Willen zu realisieren gilt. Ein Impuls zu direkter Tat braucht keinen Willen: Wenn die Scheiße drückt geht man aufs Klo - dafür muß kein Willen aktiviert werden, der Druck der Stoffwechselendprodukte reicht völlig aus uns in Bewegung zu setzten und sie loszuwerden ist kein Erfolg, sondern Wirkung einer mechanischen Ursache, des Drucks.

Nur ein Wille, d.h. eine auf die Realisierung eines Ziels gerichtete bewußte Energie, kann Erfolg haben oder ihm kann Mißerfolg unterlaufen. Mechanische Kräfte, wie zelluläre Defizite, Stoß oder Druck, haben Wirkungen oder Ergebnisse, aber nicht Erfolge.

Ein Wille zielt immer und nur auf Erfolg. Er kann Erfolg haben oder ihm kann Mißerfolg unterlaufen. Wille ist immer und nur etwas, das auf Erfolg zielt, nichts anderes und nichts außerdem.

Vom Ende her denken ...

Wir haben jetzt drei Elemente von Thelema gesammelt:

  • Thelema meint ein schöpferisches Begehren, nicht nur auf Nutzen gerichtete Handlungen.

  • Thelema meint einen Willen der auf einen End- und Selbstzweck zielt, auf ein Kunstwerk.

  • Thelema spezifiziert Willen als etwas, das immer und nur nach Erfolg strebt, aber dem Mißerfolg unterlaufen kann.

Alles zusammengenommen wird deutlich, daß Boule reduziertes Thelema ist, Thelema aber Boule in sich enthält indem es diesen alltäglichen Willen um existentielle Komponenten bereichert. Ein Thelemit kann nicht nur blind handeln, sondern er muß auch denken und planen: Was muß ich jetzt tun um Erfolg zu haben, um mein Ziel zu erreichen?

Das bedeutet, vom Ende her denken. Nur vom Ende, also vom beabsichtigten Output her, kann entschieden werden, was, wann und wie zu tun ist.

Das ist der Punkt, in dem sich Menschen von Tieren unterscheiden: Menschen können willentlich handeln. Tiere haben zwar Absichten, aber sie wissen nichts davon. Ein Tier kann, wenn es Hunger hat, jagen und fressen. Das kann es nur deshalb, weil es Absichten hat, also seinen Hunger erfolgreich zu stillen beabsichtigt. Im Gegensatz zum Menschen, kann das Tier sich nicht entscheiden zu fasten, um einige Kilo abzunehmen. Der Mensch kann das deshalb, weil er um seine Absichten weiß: bewußt-gewußte Absichten nennt man Willen. Das Tier weiß von seinen Absichten nichts, es hat sie zwar, aber es kann sie nicht thematisieren.

Der Mensch ist nicht ein vernünftiges Tier (animal rationale), sondern ein Tier (Therion!) mit einem Willen (dem alle Macht gegeben ist), d.h. mit Absichten von denen er bewußt weiß, die er also thematisieren kann. Deshalb ist Vernunft, wie das Liber Legis sagt, eine Lüge. Vernunft kann nur relativ, d.h. auf einen Zweck (Willen) bezogen, zur Bestimmung der Mittel, hilfreich sein - ansonsten ist sie Lüge. Der Zweck aber kann, wenn er denn ein Selbstzweck ist, genausowenig der Vernunft unterliegen wie Kunst oder Schönheit.

Wenn wir thelemisch vom Ende her denken, müssen wir an jedes Ziel die Frage stellen? Wozu? Warum gerade das? Was will ich damit erreichen? Das Ende haben wir erreicht, wenn wir die Antwort geben: Es gibt keinen weiteren Zweck oder Nutzen, ich will das, weil es mich

  • danach drängt, weil ich es existentiell begehre

  • weil es eine schöpferische Tat ist und

  • weil es mein Gesetz werden soll.

Nun ist es aber immer möglich, daß wir hinterher, wenn wir das Ziel erreicht haben, feststellen: Äh, so hatte ich mir das dann doch nicht vorgestellt - z.B., weil man sich mit diesem Ziel andere Möglichkeiten die wichtig waren verbaut hat. Deshalb impliziert "vom Ende her denken" zwei Voraussetzungen:

  1. Das letzte Ziel - der Selbstzweck - ist zeitlich unbegrenzt, d.h. in endlicher Zeit nicht erreichbar.

  2. Das letzte Ziel ist unser Lebensziel, d.h. der Sinn unseres Lebens. Es ist die Antwort auf die Frage nach der eigenen Existenzberechtigung: Warum existiere ich?

Beispiel: "Alle Menschen sind Thelemiten", ist ein Ziel, welches prinzipiell in endlicher Zeit erreichbar ist. "Alle Menschen streben immer weiter über sich hinaus", ist ein prinzipiell unendliches Ziel.

Nur wenn wir das letzte Ziel, unsere Existenzberechtigung, den Sinn unsere Lebens, im Auge haben, von diesem her, also vom Ende her, denken, können wir wissen, was uns wichtig ist - und über Zwischenziele entscheiden.

Das wird im Liber Legis bestätigt wenn es sagt, daß uns der Tod (Erreichen des letzten Ziels) verboten sei, wir uns aber nach dem Tode sehnen sollen (das letzte Ziel begehren und anstreben). Warum wird das letzte Ziel mit dem Tode gleich gesetzt? Weil es, wenn wir dieses Ziel, den Zweck unseres Lebens, verwirklicht haben, für uns nichts mehr zu tun gibt: Es ist alles getan, was getan werden sollte - der Vorhang fällt, das Publikum verläßt das Theater.

Der reine Wille - Selbstzweck - ist "in jeder Hinsicht vollkommen". Mehr als vollkommen - geht nicht. Das vollkommene ist tot. Man kann nichts mehr hinzufügen, nichts wegnehmen und nichts verändern, denn das würde die Vollkommenheit zerstören.

Wenn wir das mit den vorhergehenden Aufbaustücken verbinden sehen wir: genau so muß es sein!

  • Das mit unserem schöpferischen Willen zu erschaffende Gesetz ist die einzig mögliche Antwort auf die Frage: Warum existiere ich?

  • Nichts anderes als unser eigener schöpferischer Wille kann diese Antwort geben.

  • Diese Antwort kann nur mit einem schöpferischen Willen und einem Selbstzweck gegeben werden, ansonsten wir entweder nur Kopien anderer Menschen oder abhängig und unfrei wären.

  • Die Antwort muß über uns hinaus gelten, ansonsten sie keine Existenzberechtigung sein könnte, denn diese kann es nur im Ganzen geben. Deshalb muß unser Gesetz oder Selbstzweck über unser irdisches Leben hinausreichen, darf also in endlicher Zeit nicht erreichbar sein.

Thelemische Missionen, Visionen und Ziele

Die Formulierung des individuellen Thelema eines Menschen nenne ich seine Mission. Das ist das zeitlich unbegrenzte Ziel, welches Selbstzweck ist, nicht durch ein besonderes Ereignis erreicht werden kann, sondern immer verbesserbar bleibt - aber jedenfalls deine schöpferische Antwort auf die Frage ist: Wozu existiere ich? Beispiel: Ich werde dafür sorgen, daß das Neue Äon erschaffen wird.

Aus der Mission werden Visionen erschaffen, die bestimmte bildhaft-emotionale Eckpunkte setzten, die in den nächsten fünf bis 15 Jahren realisiert werden. Beispiel: Ein thelemischer Tempel in dem einige Thelema-Priester und viele Besucher sind.

Die Visionen werden dann in Strategien mit quantifizierten Zielen umgesetzt. Beispiel: Der Tempel faßt 1000 Menschen ist in drei Jahren fertiggestellt und hat in weiteren zwei Jahren durchschnittlich täglich 500 Besucher.

Das war nur ein Beispiel, deine Mission wird sicherlich ganz anders und viel spiritueller sein ...

Die Narren und das Problem

In meinen jetzt über 30 Jahren als thelemischer spiritueller Coach habe ich eins gelernt: Was es bedeutet, vom Ende her denken, geschweige den thelemisch vom Ende her denken, versteht fast niemand. Das Problem ist weder der wahre noch der reine oder der schöpferische Wille, das Problem ist der Wille überhaupt. Das Problem ist schon Boule, nicht erst Thelema.

  • Einen Willen haben bedeutet an den Output denken: Was kommt dabei heraus? Was ist das Ergebnis? Wo will ich hin? Konkret: Ich werde dafür sorgen, daß ... am ... verwirklicht ist.

  • An den Output denken kann man nur, wenn man den Output exakt und als Output beschreibt.
    Nicht: Ich werde mal was für meinen Körper tun - das wäre sowohl ungenau als auch Input
    Sondern: Ich werde dafür sorgen, daß ich am 31. 5. 20XX eine 400 Meter lange Strecke in 60 Sekunden laufe. Der Input zu diesem Output sind alle Maßnahmen die durchgeführt werden um den Output zu erreichen.

  • Ist der Output exakt beschrieben, tut man das, was notwendig ist, um den Output zu realisieren. Punkt. Keine Ausreden!

  • Menschen denken gewöhnlich nur an den Input: Ich habe X Stunden gearbeitet, also muß mir jede Stunde bezahlt werden. Ich habe mich fürchterlich eingesetzt und angestrengt, also muß ich gut entlohnt werden. Ich war lieb zu dir, also mußt du mich auch lieb haben.

  • Menschen tendieren dazu Input als Output mißzuverstehen. "Ich will in der nächsten Woche 40 Stunden arbeiten" - mag für manche Menschen ein harte Aufgabe sein, aber bleibt dennoch Input, denn man arbeitet ja nur um irgendetwas zu erreichen.

  • Menschen tendieren dazu Aufgaben als Output mißzuverstehen. Alles was man gewohnheitsmäßig tut oder tun kann ist eine Aufgabe, kein Ziel.

Man kann sich das in dem Unterschied zwischen Angestelltem und Unternehmer gut verdeutlichen. Der Angestellte kommt 40 Stunden pro Woche ins Büro und erwartet dafür am Monatsende sein Gehalt. Ob der Unternehmer durch seine Arbeit Geld verdient hat ist irrelevant. Der Angestellte wird für seinen Input bezahlt. Der Unternehmer hingegen wird nur für seinen Output bezahlt, denn der Kunde entscheidet, was ihm das Produkt, welches der Unternehmer verkaufen will, Wert ist - und ob er es überhaupt haben will. Was der Unternehmer an Input hineingesteckt hat, was ihn die Produktion kostete, ist dem Kunden völlig egal. Der Kunde entscheidet was der Output Wert ist und damit letztlich was der Output tatsächlich ist. Der Output eines Unternehmens sind nicht seine Produkte, sondern zahlende Kunden.

Das ist der Punkt den die meisten Arbeitnehmer nicht begreifen: Nicht der Chef oder die Firma zahlt ihr Gehalt, sondern der Kunde.

Natürlich funktioniert die Input-Perspektive nicht einmal im Sozialstaat so richtig - geschweige denn in freier Wildbahn. Natürlich kann man Mindestlöhne für den Input festsetzen, aber wenn der Output nicht stimmt, vermehren sich dadurch einfach nur die Arbeitslosen.

Menschen haben nur in den seltensten Fällen ein Ziel. Meist tun sie etwas und schauen dann, was dabei als Ergebnis herauskommt. Manchmal setzen sie sich Ziele, die berühmten Neujahrsvorsätze - und wenn das dann zu schwierig wird, werden die Ziele eben geändert. Mit Willen hat das alles nichts zu tun - nicht einmal im Sinne von Boule.

Input ist absolut irrelevant, was zählt, ist einzig und allein der Output, das Ergebnis. Output-Denken fordert Kreativität, Input-Dösen ist dumpfer Kleister. Denken wird nur benötigt wenn es um Output geht, deshalb können Menschen ohne Willen nicht denken und deshalb kann man nur vom Ende her denken - alles andere ist ein vages Assoziieren, aber weder Wille, noch denken, noch kreativ.

Wer das kapiert und praktisch lebt - der hat den ersten Schritt zum Thelemiten getan. Er hat einen Willen - und erst damit stellt sich wirklich die existentielle Frage nach dem Sinn des Lebens: Was soll das alles? Wozu bin ich hier?

Jetzt erst ist wenigstens die Voraussetzung für die erste Prüfung - das Buch wird ihm wie Silber sein - gegeben, denn nur auf diesem Hintergrund kann das Liber Legis wertvoll werden. Die nächsten Schritte können dann der schöpferische, wahre oder reine Wille sein - aber immer erst danach.

Versuche es mal: Vom Ende her denken!

 

 

 

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