Thelema oder vom Ende her denken

"Tue was du willst sei das ganze Gesetz."

Dies ist der mit Abstand berühmteste Satz des Liber L vel Legis - seine Quintessenz sozusagen.

Doch versteht diesen Satz jeder nur soweit, wie er sich selbst schon versteht. Verständlicherweise, sein eigenes Wollen und Tun zu verstehn, ist ein nie endender Prozess. Genau ins Liber L vel Legis zu schauen, kann diesem Prozess durchaus manch überraschenden Schub geben. Und dabei - nebenbei - auch diesen berühmten Satz erhellen.

Das Liber Legis verweist an einigen Stellen - nahezu definitorisch für ein poetisches Werk - auf das Wort "Willen". Zum einen durch die Bedeutung des Wortes "Thelema", dann auch durch den "reinen Willen" und zum dritten im Kontext von "Erfolg ist dein Beweis".

"Das Wort des Gesetzes ist Thelema"

"Thelema" wird wörtlich mit "Wille" übersetzt. Das ist - nicht ganz - richtig. "Thelema" wird im Liber Legis in griechischen Lettern geschrieben, ein Verweis auf einen antiken, später im Christentum, nicht mehr verwendeten Begriff. 

""Thelema" kommt von dem Verb "thelo", welches bei Homer die Bedeutung von bereit sein, belieben, geneigt sein, wünschen, entscheiden und begehren, auch im geschlechtlichen Sinn, hat. Bei Aristoteles bezeichnet "Thelema" das von innen heraus kommende Begehren, auch das geschlechtliche Begehren, allerdings ohne moralische Komponente. An einigen Stellen taucht "Thelema" auch im Zusammenhang mit dem Zeugungs- oder Schöpfungsakt eines Gottes auf."

In der griechischen Fassung des Neuen Testaments wird "Thelema" vor allem als Heilswille, als der Schöpfungswille Gottes, verwendet: der Wille, in dem sich das göttliche Gesetz oder die göttliche Schöpfung äußert, der rechte oder wahre Wille.

Als Vorläufer unseres heutigen Willensbegriffs jedoch gilt laut Altphilologie (Wissenschaft der alten Sprachen) das griechische "boule". Der Begriff "Boule" bedeutete ursprünglich Planung, Absicht, Zweck und lag damit unserem heutigen Willensbegriff sehr nahe.

Bei der Übersetzung des griechischen Alten Testaments, der Septuaginta, ins Lateinische dann wurde der Unterschied zwischen den Begriffen "Boule" und "Thelema" unkenntlich gemacht - indem beide Begriffe mit dem gleichen Wort: "Voluntas" (Wille) übersetzt wurden.

Diesen ursprünglichen Zusammenhang zwischen Thelema und dem Schöpfungsgesetz stellt das Liber Legis explizit wieder her, indem es sagt: "Das Wort des Gesetzes ist Thelema.": Was sich - als Handlungsorientierung - so lesen könnte: 

"Finde dein Gesetz, werde autonom, finde selbst heraus, was du, nach deinem Gesetz, wollen sollst."

"Wahrer Wille" und "reiner Wille"

"Das Liber Legis verkündet nicht, wie oft behauptet, den Wahren Willen, sondern setzt tiefer an, indem es uns sagt, dass der vollkommene Wille, der reine Wille, unbefleckt von Zweck, ist. Das ist ein Wille, der seinen Zweck nicht außer sich, sondern in sich hat, also ein Wille, dessen Zweck in ihm selbst liegt, Selbstzweck ist. Ein Selbstzweck ist ein Zweck, der nicht einem anderen Zweck dient, sondern, sich selbst will."

Beispiel: Du willst nicht glücklich sein, um etwas damit zu erreichen, sondern um einfach genau dies zu erleben: glücklich zu sein. Oder zu werden. Und nur du allein kannst wissen, aus welchen Stoff dieses Glück, das du erlebst oder ersehnst, besteht. Wie es sich anfühlt, was und wie du denkst, wie du dich bewegst, was du - glückstrunken - tust.

Das ist typisch für - alle - Selbstzwecke: Sie beschreiben keine Inhalte, die für alle schon festgelegt wären. Deutlicher, damit es nicht untergeht: Sie beschreiben überhaupt keine Inhalte. Statt dessen: Eine bestimmte (sich auf sich selbst beziehende) Struktur: eine autotelische Struktur.

Fazit: "Thelema" als das Wort des Gesetzes verweist auf den autotelischen Willen, den schöpferischen Willen, der sein eigenes Gesetz erzeugt.

Erfolg ist dein Beweis!

Mit diesem Satz weist das Liber Legis eigentlich auf etwas Selbstverständliches hin. Erfolg ist ein Phänomen, das sich immer auf einen - direkt oder indirekt - angestrebten, in jedem Fall explizit bewussten, Zweck bezieht. Naturvorgänge - wie die Schwerstarbeit des Atlas-Wirbelknochens oder das Scheinen des Vollmonds - als erfolgreich zu bezeichnen, wäre Sprachschlamperei, die in Verwirrung, Zweifel und Verzweiflung führt.

Im Kontext von "Tu was du willst" weist "Erfolg" darauf hin, dass "Thelema" sich nur mit Hilfe von "Boule" realisieren kann, d.h. bewusst angestrebt werden muss, um sich verwirklichen zu können. Ohne "Boule" bliebe "Thelema" ein unbewusst vager Drang nach einem ungreifbaren Selbstzweck, der sich in sich selbst verirrt.

Für Thelemiten bedeutet Wille, dass sein Tun einen bewusst entschiedenen Zweck hat und dieser Zweck verwirklicht wird. Sowohl "Boule" als auch  "Thelema" - sind auf Erfolg ausgerichtet. Misserfolg kannst du nicht wollen, er kann dir nur unterlaufen. Und Erfolg beweist, dass du das für dich Richtige auf die richtige Weise getan hast. Misserfolg beweist, dass du etwas für dein Ziel Wichtiges ignoriert hast. Das Wort der Sünde ist Beschränkung.

Hier bietet sich´s an, auf eine missverständliche Formulierung von Aleister Crowley hinzuweisen. Natürlich ist, wie Crowley formuliert, der eigene schöpferische Wille ein blinder Impuls aus dem Innersten. Was auch mein "Thelema" sei, es ist mein Begehren aus meinen ureigensten Gründen. Es ist keine Wahl unter Alternativen, und insofern ein blinder Impuls. Es ist eine Wahl, die du nur annehmen oder um den Preis der Selbstaufgabe ablehnen kannst. Nimmst du sie an, bestimmt sie fortan, was dir im Leben wirklich wichtig ist.

Der Umkehrschluss, dass jeder blinde Impuls, sei es ficken, fressen oder morden, Ausdruck deines schöpferischen Willens sei, wäre dagegen ein Fehlschluss.

Der blinden Impulse hast du unendlich viele. Unablässig wird dein Tun von mehr oder weniger blinden (automatischen, instinktiven, nicht reflektierten) Impulsen, diesem oder jenem, inneren oder äußeren Reiz zu folgen, begleitet. Für sich genommen, isoliert voneinander oder als gequirlter Brei serviert, sind diese Impulse eher uninteressant. Doch es lassen sich Muster beschreiben, deuten, feiner auflösen, feiner beschreiben. Muster, die sich selbst erst verstehen, wenn sie zur Sprache, ins Bewusstsein kommen, auf Erfolg ausgerichtet und damit selbst-bewusst und zu autonomer Selbstkorrektur fähig werden.

Erst durch Sprache, explizit formulierte Ziele und Erfolge beim Realisieren dieser Ziele wächst aus vagem Drängen dein eigenstes Muster: "Thelema." Das Wort des Gesetzes ist Thelema. Wille - sei es Thelema oder Boule - zielt immer auf Erfolg. Auf nichts anderes und nichts außerdem.

Vom Ende her denken ...

Wir haben jetzt drei Elemente von "Thelema" gesammelt. Es beschreibt:

  • ein schöpferisches Begehren.

  • einen autotelischen Zweck.

  • Willen als etwas, das immer nach Erfolg strebt, dem Misserfolg nur unterlaufen kann.

Alles zusammengenommen wird deutlich, dass Boule reduziertes Thelema ist, Thelema aber Boule in sich enthält, indem es den zielgerichteten Willen (Boule) um die existentielle Dimension erweitert.

Wenn du von diesem "Ende" her zu denken lernen willst, wirst du folglich an jedes deiner Ziele die Frage stellen: Wozu? Warum gerade das? Was will ich damit erreichen? "Das "Ende" hast du erreicht, wenn du die Antwort gibst: Es gibt keinen weiteren Zweck oder Nutzen, ich will das, weil es mich

  • danach drängt, weil ich es existentiell begehre

  • weil es eine schöpferische Tat ist und

  • weil es mein Gesetz - das Gesetz meiner eigenen Existenzberechtigung ist.

  • weil es mein eigenster, zeitlich unbegrenzter, Selbstzweck ist."

Nur wenn wir uns selbst als Selbstzweck, unsere Existenzberechtigung, den Sinn unseres Lebens, im Auge haben, von diesem her, also vom Ende her, denken, können wir wissen, was uns wichtig ist - und über Zwischenziele entscheiden.

Mission, Vision und Ziele

ThelemaDie Formulierung des persönlichen "Thelema" jedes Menschen lässt sich auch als Mission beschreiben. Die eigene Mission bezeichnet dann ein zeitlich unbegrenztes autotelisches Ziel, das nicht durch ein besonderes Ereignis erreicht werden kann, sondern immer verbesserbar bleibt. Deine Mission ist deine schöpferische Antwort auf die Frage: Wozu existiere ich?

Beispiel: Ich sorge dafür, dass das Horus Äon erschaffen wird.

Aus der Mission kannst du bildhafte Visionen erschaffen, die du in den nächsten 5 bis 15 Jahren realisieren willst. Beispiel: Ein thelemischer Tempel in dem einige Thelema-Priester und viele Besucher sind.

Deine Vision musst du dann in Strategien mit quantifizierten Zielen umsetzen. Beispiel: Der Tempel fasst 1000 Menschen, ist in drei Jahren fertiggestellt und hat in weiteren zwei Jahren durchschnittlich täglich 500 Besucher.


Exerpt des noch unveröffentlichten Artikels von Michael D. Eschner: Thelema oder von Ende her denken. Zwischenüberschriften und alle gekennzeichneten Zitate entstammen diesem Text.