Glaube nicht an einen liebenden oder strafenden Gott
Thema: Glaube nicht an einen liebenden oder strafenden Gott
Eine ganz "natürliche" Reaktion, wenn man in unserer Gesellschaft und Kultur aufgewachsen ist (ob das in anderen Kulturen wirklich anders ist, weiß ich nicht), ist, dass man die Götter, speziell Ra-Hoor-Khuit aufgrund der heftigen Konsequenzen, die er verspricht, fürchtet. Man liest die Verse als Drohungen und es stellen sich, mehr oder weniger bewusst beklemmende Gefühle und Erinnerungen ein: Wenn du x tust, dann pass nur auf, dann wird y ganz schön böse werden ...
Diese fast automatische Reaktion mitzubekommen, ist ein erster wichtiger Schritt zur Selbsterkenntnis und zum Verständnis des Liber Legis. Denn es sagt uns an mehreren Stellen ganz deutlich, dass wir dieses kindliche, altäonische Verständnis ablegen dürfen. Seltsamerweise scheinen diese Verse immer wieder in Vergessenheit zu geraten. Immer und immer wieder "passiert" es uns, dass wir Lohn als auch Strafe nach außen projizieren, von anderen erwarten bzw. befürchten.
Dies ist überhaupt eine Besonderheit des LLL: In den vielen Widersprüchen, Paradoxa ist jede mögliche Perspektive enthalten. Wir suchen uns jeweils das raus, was zu unserer momentanen Überzeugung, Erwartung, Situation und Befindlichkeit passt. Daher die berühmte Fähigkeit des Liber Legis, bei jedem Lesen "neue" Verse bzw. Perspektiven anzubieten, die man, obwohl man das Buch schon x-mal gelesen hat, vorher nie wirklich wahrgenommen hatte. Anhand dieser neuen Perspektive dann zu reflektieren, welcher blinde Fleck sie wohl zuvor verdeckt haben mag, kann sehr erkenntnisreich sein.
Doch zurück zu unserer kindlichen Erwartung oder Befürchtung von Lohn oder Strafe. Wenn wir erwachsen werden wollen, müssen wir verstehen, dass wir nichts Positives bewirken oder Negatives abwenden können, indem wir die Götter fürchten oder an sie glauben. Das können wir nur durch unsere Taten.
17. Fürchtet überhaupt nichts; fürchtet weder Menschen noch Schicksale, noch Götter, noch irgend etwas. Geld fürchtet nicht, noch das Gelächter des närrischen Volkes, noch irgendeine Macht im Himmel oder auf der Erde oder unter der Erde. Nu ist eure Zuflucht, wie Hadit euer Licht; und ich bin die Stärke, Kraft und Macht eurer Arme.
49. Ich bin in einem geheimen, vierfachen Wort die Blasphemie gegen alle Götter der Menschen.
Gegen alle Götter: die L-Götter eingeschlossen.
54. Bahlasti! Ompehda! Ich speie auf eure jämmerlichen Glaubensbekenntnisse.
Die Götter zu fürchten oder anzubeten, mag hilfreich sein - genau dann, wenn wir durch die Furcht oder Anbetung unser Verhalten ändern. Glaubensbekenntnisse heißt viele Worte zu machen. Wenn ich wissen will, was jemand wirklich glaubt, achte ich besser nicht auf seine Worte, sondern sehe mir an, was er tut.
Aber Ra-Hoor-Khuit sagt uns nicht nur, dass wir ihn weder zu fürchten, noch an ihn zu glauben brauchen, er kündigt auch noch an, dass seine jetzige Bedeutung vergänglich ist:
34. Aber dein heiliger Ort soll durch die Jahrhunderte hindurch unberührt sein: obwohl er mit Feuer und Schwert niedergebrannt & zertrümmert wird, steht dort doch ein unsichtbares Haus, und es wird stehen bis zum Eintritt des Großen Equinox; wenn Hrumachis sich erhebt und der mit dem Doppel-Stab meinen Thron und Platz einnimmt. Ein anderer Prophet wird sich erheben und frisches Fieber von den Himmeln bringen, eine andere Frau wird die Lust & Verehrung der Schlange erwecken; eine andere Seele von Gott und Tier wird sich in dem Priester des Erdballs vermischen; ein anderes Opfer wird das Grabmal färben; ein anderer König wird herrschen; und dem Falkenköpfigen Mystischen Herrn wird nicht länger Segen zufließen!
Ein Gott, der seine eigene Vergänglichkeit zugibt! Dies zusammen genommen mit der Forderung, ihn nicht zu fürchten, und nicht an ihn zu glauben, führt - ernst genommen - zwangsläufig dazu, selbst Verantwortung zu übernehmen. Von "außen" gibt es nichts zu erhoffen und nichts zu befürchten. Verantwortung wofür? Tue was du willst, sei das Ganze des Gesetzes. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.
von Seba-u mut
Wir sind stolz darauf, Menschen zu sein.
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Kommentare
"Wenn du x tust, dann pass
"Wenn du x tust, dann pass nur auf, dann wird y ganz schön böse werden ...
Diese fast automatische Reaktion mitzubekommen, ist ein erster wichtiger Schritt zur Selbsterkenntnis und zum Verständnis des Liber Legis. Denn es sagt uns an mehreren Stellen ganz deutlich, dass wir dieses kindliche, altäonische Verständnis ablegen dürfen. "
Nicht nur dürfen, auch müssen - anders werden wir nicht über die Manipulationen hinwegfinden und unseren Willen verwirklichen können. Erziehung ist der Beginn der Manipulation, und selbst liebevolle Eltern können ihre Kinder nicht vor dem beschützen, was ihnen in der Schule passiert...