Das eigene Gesetz
Thema: Das eigene Gesetz - der unendliche Wille
Dieses Thema ist das zentrale Thema des LLL, natürlich: Tue, was du willst, sei das Ganze des Gesetzes! Es zieht sich durch alle Kapitel des LLL:
Nuit:
39. Das Wort des Gesetzes ist Thelema.
42. Der Zustand der Vielfältigkeit soll Gebundenheit und Ekel sein. So mit all deinem; du hast kein Recht als deinen Willen zu tun.
44. Denn reiner Wille, unbefleckt von Zweck, befreit von der Gier nach Ergebnis, ist in jeder Hinsicht vollkommen.
Ra-Hoor-Khuit:
60. Es gibt kein Gesetz, außer Tu was du willst.
67. Durch die vierte, ultimate Funken des innersten Feuers.
Zum Thema "Willen tun" siehe auch meinen Kommentar zu Nuit.
Hadit bringt zu diesem Thema noch einen weiteren Aspekt rein: die Herren der Erde.
Hadit:
18. Sie sind tot, diese Anderen; sie fühlen nicht. Wir sind nicht für die Armen und Betrübten: die Herren der Erde sind unsere Sippe.
24. Siehe! Dies sind tiefe Geheimnisse; denn es gibt auch Freunde von mir, die Einsiedler sind. Nun glaube nicht, sie im Wald oder auf dem Berg zu finden; sondern in purpurnen Bette, liebkost von herrlichen Weiberbestien mit kräftigen Glieder und Feuer und Licht in ihren Augen und Massen flammenden Haares um sich herum; dort werdet ihr sie finden. Ihr werdet sie sehen beim Herrschen, bei siegreichen Armeen, bei allen Freuden: und es wird in ihnen eine Freude sein, eine Million mal größer als diese. Hütet euch vor jeder Gewalt gegeneinander, König gegen König! Liebet einander mit brennenden Herzen; trampelt auf den niederen Menschen in der wilden Lust eures Stolzes, am Tag eures Zornes.
Für was stehen die Herren der Erde, die Könige, das Herrschen im LLL? Diesen drei Begriffen ist eines gemeinsam: Jemand stellt selbst Gesetze auf, statt die Gesetze anderer zu befolgen. Wie voraussetzungsvoll es ist, sein eigenes Gesetz über sich aufzuhängen, sich selbst zu gehorchen anstatt anderen, hat Nietzsche in "Also sprach Zarathustra" trefflich ausgedrückt:
"Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und nicht, dass du einem Joche entronnen bist. Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen durfte ? Es giebt Manchen, der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf. Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu ? Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rächer deines Gesetzes?"
Aus: Vom Wege des Schaffenden
"Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher kann sich befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!"
Aus: Von alten und neuen Tafeln
(Das gesamte Buch findest du hier)
Um meinen eigenen Willen zu tun, muss ich mich von Prägungen und Konditionierungen befreien, ich muss mich bewusst entscheiden, vor allem, muss ich, wenn ich mich für das Gesetz meines Lebens (Lebensziel) entschieden habe, dieses befolgen: mich nicht beirren lassen, weder von meinen Launen noch von anderen Menschen oder Umständen.
Aber nach welchen Kriterien entscheide ich überhaupt? Wonach entscheide ich, was wichtig und richtig ist? Wichtig und richtig wofür und für wen? Woher weiß ich, dass diese Entscheidung wirklich meine ist? Ist es nicht vielmehr das, was meine Umgebung, mein Arbeitgeber, meine Eltern, mein Partner, die Gesellschaft, meine Vorurteile mir als mein Wollen vorgeben? Ist das, was ich will, wirklich das, was ich wollen würde, wenn ich mich von diesen ganzen Fremdeinflüssen befreit hätte?
Aber selbst, wenn ich mich immer weiter hinterfrage, reflektiere und natürlich nicht nur allein - da findet man zu schnell Antworten - sondern mit Hilfe von anderen, Lehrern und vor allem: dem Liber L vel Legis. Wie kann ich wissen, dass das, was ich will, nicht doch letztlich durch Konditionierungen, Prägungen motiviert ist? Denn schließlich: Das Unbewusste ist eben das Unbewusste, weil es unbewusst ist! Sicherlich kann ich mir Teile davon bewusst machen, aber was weiß ich über die "Teile", die weiterhin verborgen bleiben? Oder werden vielleicht gerade dadurch, dass ich mir neue Bereiche erschlossen habe, andere erst wieder vom Schleier des Unbewussten bedeckt?
Aber: Wie wichtig ist es letztlich hier "Sicherheit" zu erlangen? Ist nicht das der entscheidende Schritt zum Thelemiten:
Ich treffe an einem Punkt eine Entscheidung. Bis zu diesem Punkt habe ich mich selbst mit Hilfe des Feedbacks von anderen und dem Liber L vel Legis beobachtet - so selbstkritisch und selbstehrlich wie es mir trotz des blinden Fleckes, der immer mitlaufen wird, möglich ist. Auf dem Hintergund dieser errungenen Selbst-"Erkenntnis"* treffe ich eine Entscheidung. Es ist die Entscheidung meines Lebens: die Grundentscheidung. Ich kann sie den "Sinn meines Lebens", meine "Mission" oder mit Nuit mein "Thelema" und mit Ra-Hoor-Khuit "ultimate Funken des innersten Feuers" nennen: alles mögliche Begriffe für mein Gesetz.
Auf was ich diesen Willen richte, ist ganz allein meine Sache. Jede Entscheidung ist richtig, solange es meine Entscheidung ist, die meinen Wahren Willen begründet und der mein Tun faktisch folgt.
Aber was bedeutet das eigentlich: Grundentscheidung. Ist es nicht so, dass wir viele Entscheidungen treffen: Menschen lernen einen Beruf (oder auch nicht), gründen eine Familie (oder auch nicht), suchen sich einen Partner, einen Freundeskreis, ein Hobby, Interessen ... all das sind Entscheidungen. Wieso sollte ich da eine Grundentscheidung treffen? Eine Entscheidung steht an - z. B. ist die Schulzeit zuende, ich erreiche die Pubertät, bzw. das heiratsfähige Alter, ich könnte Kinder in die Welt setzen oder auch nicht, ich habe nun etwas Freizeit übrig, wofür nutze ich sie, ich bin am Ende meiner Karriereleiter angelangt, beginne ich eine 2. Karriere etcpp. - also treffe ich sie, mehr oder weniger durchdacht oder geplant. Immer wieder stehen solche Schritte im Leben eines Menschen an und jedes Mal kann und muss ich mich doch neu entscheiden. Bleibe ich mit diesem Partner zusammen, mache ich bei diesem Projekt mit oder bei jenem, verdiene ich mein Einkommen hiermit oder damit, helfe ich hier oder dort?
Andererseits: Entspricht das wirklich unserer Erfahrung? Eigentlich kenne ich niemanden, der sich wirklich immer wieder neu entscheidet. Die Menschen, die ich kenne, haben doch recht feste, wenn auch nicht unbedingt explizierte "Werte", "Grundsätze" - Präferenzen.
Eines ist sicher: die Lebensjahre vergehen und irgend etwas habe ich in dieser Zeit gemacht. Meistens ist auch so viel zu tun, dass ich gar nicht dazu komme, mich zu fragen: Wozu ist mir das wichtig? Weshalb verwende ich jetzt meine Zeit auf A und nicht auf B?
Aber auch das ist sozusagen eine Grund-"Entscheidung". Entscheide ich mich mit Kopf, Herz und Hand für mein Gesetz, das dann alles weitere Handeln bestimmt? Oder reagiere ich auf das, was sich mir bietet, nach Kriterien, die mir nicht so bewusst sind?
Auch hier wieder letztlich die Frage: Wozu ist es wichtig, sich sein eigenes Gesetz zu geben? Nach seinem Sinn in diesem Leben zu suchen?
Mit welchem Recht stelle ich mich hier hin und sage, ein Mensch soll sich diese Frage stellen? Mit dieser Frage ist es wie mit allen Fragen: Eine Frage ist dann eine Frage, wenn ein Mensch sie stellt. Sie ist dann richtig und wichtig zu stellen, wenn sie einem Menschen wichtig wird.
Stellen wir uns einen Mensch vor, der sagen kann, ich bin zufrieden oder sogar glücklich mit meinem Leben, ich will nichts verändern, ich will auch nichts, das ich nicht schon habe oder bin (zumindest, was die wesentlichen Punkte betrifft), ich trage allein die volle Verantwortung für alles, was ich bin, was mir widerfährt und was ich daraus mache. Der sagen könnte: So will ich es, so wollte ich es und so werde ich es wollen. Ein solcher Mensch wird sich diese Frage nicht stellen und es gibt keinen Grund, ihn mit dieser Frage zu belästigen.
Alles, was ich hier schreibe, die Fragen, die ich stelle, richten sich also an die Menschen, die zu dem Schluss kommen, dass solche Themen und Fragen sie betreffen, sie sich von ihnen betreffen lassen wollen, dass sie sich verändern wollen.
An einen Mensch, der sein Gesetz über sich aufhängen will, um weder ein Spielball seiner Launen noch seiner Probleme oder anderer Menschen oder Umstände zu werden. Ein Mensch der sagt: Es gibt niemanden, der für mein Leben verantwortlich ist, es gibt niemanden, der mein Leben zu leben hat, außer mir selbst. Also: Tue ich, was ich will! Und wenn es in dem, was ich tue, irgend etwas gibt, das ich nicht will, tue ich alles Nötige, um letztlich sagen zu können:
"Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles 'Es war' umzuschauen, bis der Wille spricht: 'Aber so wollte ich es! So werde ich's wollen -'
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von alten und neuen Tafeln)
Möge ich den Mut haben, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Möge ich das große Herz haben, die Dinge zu lieben, die ich nicht ändern kann. Möge ich die Weisheit haben, das eine vom anderen zu unterscheiden.
***
(* dieser Begriff ist irreführend, denn im Grunde ist jede sogenannte "Erkenntnis" eine selbst geschaffene Konstruktion: Statt Er-Kenntnis Er-Schaffung ...)
von Seba-u mut
Wir sind stolz darauf, Menschen zu sein.
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