Der Beginn eines neuen Zeitalters

Vortrag von W. D. Kaufmann

(Bergen a. d. Dumme, den 7. August 2010, Thelema Society Sommerfestival)

Auguste Rodin: Bronze-Skulptur `das Eherne Zeitalter`, 1876) (Fotograf: Daniel Ullrich, Quelle: Wikimedia)

Wann beginnt ein neues Zeitalter – oder Äon, wie man auch sagt? In den sechziger Jahren sprach man vom Beginn des Wassermann-Zeitalters, eines neuen Zyklus. Allerdings war diese Datierung von Anfang an umstritten. Rudolf Steiner datiert den Beginn dieses Zeitalters auf das Jahr 3573, andere wiederum sehen dieses Zeitalter um 2600 kommen. Doch der Beginn des Wassermann-Zeitalters ist nur eine kosmologische Frage; für die Menschen ist diese Frage jedoch von nachgeordneter Bedeutung. Wenn man mich also fragt: wann beginnt das herbeigesehnter neue Zeitalter, würde ich es ziemlich genau datieren können: es begann 1962.

1962 mag in der Rückschau kein besonderes Jahr gewesen sein; es geschah, von außen betrachtet, nichts wirklich Weltbewegendes. Die Fußball-Weltmeisterschaft fand statt, Brasilien gewann, und Hamburg wurde von einer Jahrhundert-Sturmflut getroffen, die einen bis dahin nur regional bekannten Politiker in ganz Deutschland bekannt machte: Helmut Schmidt. Aber sonst gibt es aus dieser Zeit wenig Aufregendes zu berichten. Und doch bezeichnet dieses Jahr eine Wende, ja eine Zäsur. Es erscheint nämlich ein Buch, das alles ändert. Rachel Carson veröffentlicht „Der stumme Frühling“.

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Man mag denken: wer ist Rachel Carson? Und was für ein Buch? Nie davon gehört. Und doch halte ich dieses Buch für eines der wichtigsten Werke des zwanzigsten Jahrhunderts,  denn es war dieses Buch, das der bis dahin unbedeutenden, kleinen Ökologie-Bewegung Bahn brach und zum ersten Mal die Gefahren der Umweltvergiftung thematisierte.

Das Buch, die Autorin – weitgehend vergessen; aber der Stein, der damit losgetreten wurde, ist inzwischen zu einer Lawine angewachsen, die den Zenit ihrer Wirkung längst nicht erreicht hat.

Ich weiß, dass meine Meinung, was dieses neue Zeitalter und der von mir fixierte Zeitpunkt seines Eintritts betrifft, bei einigen der hier Anwesenden nicht auf Gegenliebe stoßen dürfte. Man hätte doch von mir viel eher erwartet, dass ich zum Beispiel das Erscheinen des Zarathustra oder – um gefällig zu sein – das Liber AL vel Legis  genannt hätte, dessen Verfassen ja davon ausging, ein neues Äon eingeleitet zu haben. Doch man muss sich treu bleiben und stets versuchen, die Dinge so darzustellen, wie sie sind. Das eine oder andere Werk, der eine oder andere Mensch sind wichtig, ohne Frage, vorbereitend, erklärend, aber zum Katalysator muss er deshalb noch nicht werden. Oder mit Nietzsche: „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.“

Die Erkenntnis, dass wir im Beginn eines neuen Zeitalters leben, sozusagen die Geburtswehen einer neuen Welt miterleben dürfen, sollte uns daran erinnern, dass auch wir, jeder Einzelne von uns, damit die Verpflichtung hat, seinen Teil beizutragen, damit dieses neue Zeitalter so gestaltet wird, dass die Menschen stolz auf das Geleistete blicken können. Die Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen, habe ich „Krieger“ genannt; ihnen habe ich ein ganzes Buch gewidmet. Ein Krieger ist ein Mensch, der sich zu dem entwickeln will, was Nietzsche einen „freien Geist“ genannt hat. Freie Geister aber, so stellte er fest, gibt es noch nicht. Ein freier Geist ist das Produkt einer großen Loslösung. Man vergilt es seinem Meister schlecht, immer nur Geselle zu bleiben, schreibt er ein anderes Mal. Die absolute Unabhängigkeit im Denken und Handeln ist also eine unabdingbare Voraussetzung, um ein freier Geist zu werden. Diese Unabhängigkeit im Denken, im Handeln und eben auch in der Art, wie wir unsere Umwelt betrachten, wird verhindern, dass man sich auf Dogmen zurückzieht, dass man zum Beispiel der Wissenschaft oder irgendwelchen philosophischen Lehrsätzen so etwas wie eine ewige Gültigkeit und Unumstößlichkeit zuerkennt. Der Mensch ist geschaffen, sich immer wieder offene Meere zu erschließen, in die er denn unerschrocken vorstößt, immer auf der Suche. Und wonach sucht er letztendlich? Immer nach sich selbst.

"Am Anfang steht die Einsicht, dass wir für die Gestaltung unseres eigenen Lebens verantwortlich sind ...", Jürgen Habermas (Foto: Jürgen Habermas, 2008, Fotograf: Wolfram Huke, Quelle: Wikimedia)

Eine alte Freundin hat mich auf ein Zitat von Jürgen Habermas aufmerksam gemacht, das gut in diesen Kontext passt und das ich deshalb hier einbringen möchte: „Am Anfang steht die Einsicht, dass wir für die Gestaltung unseres eigenen Lebens verantwortlich sind. ... Am Jüngsten Tage müssen wir Rechenschaft ablegen, aber nicht in erster Linie über die Wunden, die wir anderen zugefügt haben, sondern über die verspielten Möglichkeiten des eigenen, falsch genutzten Lebens.“ Diese Rechenschaft aber müssen wir keinem höheren Wesen, keinen Gott gegenüber ablegen, sondern wir legen sie gegenüber dem einzigen Richter ab, der dies auch beurteilen kann: uns selbst. Das heißt, dass jeder für sich selbst die letzte Verantwortung trägt und an sich arbeiten muss. Jeder Mensch, egal welcher Rasse, Hautfarbe oder Herkunft, trägt einen Wert in sich, ist wie ein unbehauener Marmorblock; er kann für immer nur ein roher Stein bleiben, aber aus ihm kann auch das wundervollste Kunstwerk geschaffen werden. Und jeder, davon bin ich überzeugt, kann ein solches Kunstwerk werden. Zwei Faktoren dafür sind allerdings unabdingbar: er muss es wollen und er muss in einer Umwelt leben, die dieses Wollen zumindest toleriert. Sonst wird er zu einem missratenen Kunstwerk, halb fertig, zu Großem fähig, aber eben nicht in der Lage, es zur Vollendung zu bringen und in Barbarei endend. Der moderne Prototyp dieses Menschen ist für mich Adolf Hitler.

Vor zehn Jahren hat die Dänin Janne Teller ein Kinderbuch geschrieben: „Nichts“. In diesem Buch wird der Nihilismus thematisiert, also die Frage nach dem Sinn des Lebens. Was dabei herauskommt, ist klar und auch von Nietzsche schon beschrieben worden: Wer seinem Leben nicht selbst Sinn gibt, wird nie einen „Sinn des Lebens“ finden. Der überwiegende Teil der Menschen findet diesen Sinn des Lebens zumeist in Dingen, die ihnen von außen aufgezwungen werden, um zu überleben. Da bleibt kaum Zeit, sich tiefergehende philosophische Gedanken über einen möglichen Sinn zu machen. Der Hinduismus ist noch einen Schritt weiter gegangen. Damit erst niemand auf die Idee kommt, sich über seine Stellung in der Gesellschaft und die daraus resultierende Lage Gedanken macht, hat man das Kastensystem erfunden. Jeder ist schon durch seine Geburt in eine der zahllosen Kasten bis ans Ende seiner Tage an seine soziale Stellung gebunden. Selbst heute ist es einem Inder kaum möglich, aus diesem System auszubrechen. Es ist klar, dass sich unter derartigen Bedingungen kaum je ein freier Geist entwickeln kann, denn selbst als Mitglied der höchsten Kaste, der Brahmanen, bin ich gefesselt an meine gesellschaftliche Stellung, so bedeutend sie auch sein mag.

So wird es mir unter derartigen Bedingungen nur in Ausnahmefällen möglich sein, das zu entwickeln, was eine Grundvoraussetzung für den freien Geist ist: eine Persönlichkeit.

Die Entwicklung der Persönlichkeit ist ein lebenslang andauernder Prozess; er dauert wirklich von der Wiege bis zur Bahre. Die Persönlichkeit formt den Menschen; er wächst an ihr. Es gibt viele erfolgreiche Menschen, die trotz ihres Erfolges nur eine kümmerliche Persönlichkeit haben. Diesen Typus findet man sehr oft in Politik und Wirtschaft; auch ist er unter Pädagogen weit verbreitet. Doch seltsamerweise scheint das nicht weiter aufzufallen; das liegt für mein Empfinden daran, dass echte Persönlichkeiten zumeist auch echte Solitäre sind und sich der Masse entziehen, und die Masse wiederum erkennt deshalb eine echte Persönlichkeit zumeist nicht. Deshalb gibt es den weit verbreiteten Irrtum, das jemand, den man zur „Elite“ zählt, schon eine Persönlichkeit sein müsste.

"Persönlichkeiten sind im ersten Stadium ihrer Entfaltung, also in der Jugend, zumeist nihilistische, neinsagende und die bestehende Ordnung ablehnende Geister, ... .", (Foto: Protestaktion gegen Massentierhaltung- und schlachtung, 2006, Barcelona, Fotograf: Jaume Ventura, Quelle: Wikimedia.)

Persönlichkeit entfaltet sich in den meisten Fällen im ständigen kritischen Dialog mit der Umwelt. Persönlichkeiten sind im ersten Stadium ihrer Entfaltung, also in der Jugend, zumeist nihilistische, neinsagende und die bestehende Ordnung ablehnende Geister, die aus der bewusst gesuchten Provokation mit der bestehenden Ordnung eine vorwärtstreibende Energie ziehen. Es ist das Vorrecht der Jugend, zu rebellieren. Einer Jugend, der dieser rebellische Geist abhandenkommt, fehlt ein wichtiges Glied in ihrer Entwicklung.

Wenn die Persönlichkeit die rebellische Phase abgeschlossen hat, tritt eine Zeit der Konsolidierung ein. Man ist nach wie vor kritisch, hinterfragt, man sucht aber auch nach Lösungen. Das ist auch die Zeit der Festigung. Bei den  kümmerlichen Persönlichkeiten, wie ich sie angesprochen habe, geht diese Phase übergangslos in die Erstarrung über. Man hakt die Vergangenheit, soweit man überhaupt rebellische Impulse hatte, als lässliche Jugendsünde ab. Ab jetzt will man nur noch erwachsen und vernünftig sein. Die wahre Persönlichkeit aber gibt sich damit nicht zufrieden. Man sucht, hinterfragt und kritisiert weiter, man legt den Finger gern in offene Wunden und hofft, dass der Schmerz heilsam sein könnte. Man will nicht „Elite“ sein, sondern vorangehen. Ehe wir es uns zumuten, Übermenschen zu sein, müssen wir uns wohl dem Menschsein stellen. Manchmal überkommt mich allerdings der Zweifel, ob das so leicht ist. So habe ich auf mde-net, also Michaels Hausseite, folgenden bemerkenswerten Satz gelesen: „Wir sind stolz darauf, Menschen zu sein.“ Ich habe mir daraufhin nur eine Frage gestellt: Gibt es eine Alternative?

Zur Schaffung eines neuen Bewusstseins, das ja eine Voraussetzung für eine Zeitenwende ist und das natürlich nicht über Nacht entsteht, sondern, wenn es einmal initiiert ist, langsam wächst, sind auch noch andere Entwicklungen nötig als nur die Einsicht in Notwendigkeiten. Ganz entscheidend für dieses neue Bewusstsein war zum Beispiel die Musik, die in den 60er Jahren Raum griff: der Beat. Er löste bei großen Teilen der Jugend ein neues Lebensgefühl aus, er brach alte Denkstrukturen auf und schuf, man möchte meinen ganz nebenbei, einen neuen Begriff von Freiheit. Erst diese Musik machte das möglich, was man heute unter den Begriff der „Jugendrevolte“ summiert oder mit 68er bezeichnet. Man hat mir vorgeworfen, ich müsse wohl ein verkappter, haschrauchender Hippie sein. Also nichts gegen haschrauchende Hippies, aber an diesen Vorwürfen habe ich nur gesehen, wie viel Unverständnis über manche Entwicklungen herrscht. Man muss bis auf die pythagoreische Musiktheorie zurückgehen, um zu wissen, welche – auch mythischen – Kräfte durch die Musik zum Ausdruck kommen. Es ist, einfach ausgedrückt, die Lehre von der Ganzheit, davon ausgehend, dass es eine allumfassende kosmische Harmonie gibt, die in der Musik ihren Ausdruck findet. Diese Auffassung korrespondiert mit dem Freundschaftsideal der Pythagoreer. Auch in diesem geht man davon aus, dass alles – auch die Götter – in Freundschaft und Harmonie verbunden sind. Übrigens ist das auch einer der Ansatzpunkte von Nietzsche, der, ohne dass das viele seiner Leser wissen, auch ein beachtlicher Komponist war.

"... mit Jim Morrison sei es so gewesen, dass man das Gefühl haben konnte, Dionysos wandle wieder auf Erden ... ." (Bild: Jim Morrison, Zeichnung, Autor: Jürgen Schuschke, Quelle: Wikimedia)

Ray Mansarek, einer der Musiker der Doors, meinte einmal, mit Jim Morrison sei es so gewesen, dass man das Gefühl haben konnte, Dionysos wandle wieder auf Erden, und er erinnerte daran, dass Morrison als Student einen Film über Nietzsche gedreht hat. So werden Quellen sichtbar.

Wenn sich die Harmonien ändern, und hier komme ich noch einmal auf die Pythagoreer zurück, ändert sich auch der Lauf der Welt, also das Denken und Fühlen der Menschen. Eine solche Änderung wurde in den 60er Jahren ausgelöst.

Ich möchte also zusammenfassen: Eine Wendezeit, so der Titel eines sehr bekannten Buches dieser Zeit von Friedjof Capra, das noch heute lesenswert und gewiss nicht überholt ist, wird stets von mehreren, ineinander übergehende Entwicklungen ausgelöst: der Erweckung eines neuen Bewusstseins, der Verschiebung der Harmonie und, daraus resultierend, der Wille zu tiefgreifenden Veränderungen. Die Französische oder, wie man in Frankreich noch heute sagt, Große Revolution wurde nicht nur den Hunger der Massen ausgelöst, sondern durch die Schriften von Rousseau, Voltaire und den Enzyklopädisten von Port-Royal. Dort wurde ein neues Menschenbild geschaffen, und es war der „Einsiedler von Königsberg“, Kant, der als Erster in Deutschland erkannte, dass das, was da in Frankreich geschah, keine Revolution im herkömmlichen Sinne war, sondern einen Zeitenbruch markierte.

Seit den 60er Jahren leben wir ebenfalls in einer Periode des Zeitenbruchs. Noch ist nicht entschieden, wohin das Schiff steuert; die beharrenden Kräfte sind mächtig und verteidigen ihre Positionen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Doch selbst in diesen Kreisen gibt es inzwischen Widerstand, was die Initiative von Bill Gates und Warren Buffett, die zusammen ein Vermögen von ca. 100 Milliarden Dollar kontrollieren, zeigt. Sie und andere dieser Superreichen wollen jeweils fünfzig Prozent ihres Vermögens für Entwicklungsprojekte stiften. Weitere 40 US-Milliardäre haben sich dieser Kampagne inzwischen angeschlossen. Um sich das vor Augen zu führen: diese 100 Milliarden repräsentieren ungefähr die Summe, die die 100 ärmeren Nationen dieser Welt zusammen erwirtschaften. Erwähnenswert ist auch, dass Warren Buffett die Hedge-Fonds scharf kritisiert hat und in der jetzigen Finanzmarkt-Politik die größte Gefahr für die westlichen Gesellschaften sieht.

Natürlich wird das Handeln solcher Leute nicht von purer Menschlichkeit allein, sondern auch vom Egoismus getrieben. Aber es zeigt, dass sich auch in diesen Bereichen etwas tut, dass sich das Denken und Handeln, das Bewusstsein eben, auch hier verändert.

Friedrich Nietzsche, ca. 1875

Nach dieser Tour de raison kehre ich noch einmal zur Ausgangspunkt meine Überlegungen zurück und stelle mir die Frage: Was ist unsere Aufgabe in dieser wichtigen Zeit? Wir müssen unsere Persönlichkeit stets weiter entwickeln und das damit verbundene, von uns vertretene Weltbild verbreiten. Wir müssen zu den Kriegern werden, die in der Lage sind, Zukunft nicht nur zu erleiden, sondern zu gestalten. Wenn wir dazu nicht in der Lage sind, wenn wir solche Zusammenkünfte wie diese nur konsumieren, wenn wir meinen, schon die höchste Stufe dessen, was wir wollen, können und sollen erreicht zu haben, sind wir doch nur die von Nietzsche so bezeichneten „letzten Menschen“, selbstzufrieden mit dem, was man vermeidlich erreicht hat. Zuletzt nämlich braucht man keine 100 Milliarden Dollar, um ein Ziel zu erreichen, sondern man braucht Prinzipien, Grundsätze von eherner Härte und das Wissen um das richtige Handeln, um Großes zu schaffen. Schlaffes Dahinvegetieren, die Teilnahme an irgendwelche Exerzitien, die doch nur kaschieren sollen, dass es an eigener Initiative fehlt, dass die eigene Antriebs- und Ideenlosigkeit überdecken soll, wird nicht weiterhelfen. Wer den Weckruf dieser Zeit nicht in sich hört, wird auch nichts für das Erreichen des Zieles beitragen. Er wird eine Hülse bleiben, von außen nett anzusehen, innen hohl. Abseits der Marktes, abseits der Herden geschieht das Großen, das, welches die Welt verändert, darin waren sich alle Denker einig; also ziehen wir daraus die Konsequenz und schaffen auch wir etwas Großes! In diesem Sinne möchte ich schließen und rufe euch mit Nietzsche zu:

„Dürres Gras und Steppe seid ihr mir; aber ich will laufende Feuer aus euch machen und Verkünder mit Flammenzungen.“