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Liber Al oder Liber L?

Das heute als Liber AL vel Legis bekannte Buch hieß ursprünglich "Liber L vel Legis", das "Buch L oder des Gesetzes". Noch bei den ersten Veröffentlichungen in "Thelema" 1909 und in Equinox 7 und 10, 1912 und 1913, trug das Buch diesen Titel.

Später schrieb Crowley, daß der Titel des Buches wahrscheinlich "AL" sein sollte, weil er das "L" von Aiwass hörte, aber die Schreibweise nicht sah. Er meinte, daß "AL" der wahre Name des Buches sei, weil diese Buchstaben und ihre Zahl 31 in der hebräischen Gematria (Buchstabenmystik: A = Aleph = 1, L = Lamed = 30) der Meister-Schlüssel zu seinen Mysterien seien.

"AL" ist, in der Aussprache "el" das hebräische Wort für Gott und seine Umkehrung "LA" bedeutet laut Crowley "Nichts" (im hebräischen ist es ein Adverb der Verneinung), sozusagen: Alles und Nichts. Der Titel würde dann lauten: "Buch Gott oder des Gesetzes" - kein besonders einleuchtender Titel.

Crowley erhielt die Aufklärung über den "wahren" Namen des Buches von Frater Achad, einem seiner Schüler. Dessen Begründung in "Liber 31", welches Achad am 3. November 1918 schrieb und am 3. September 1919 an Crowley schickte, lautet im wesentlichen: 

Lebensbaum"And now I see how the Mystery of 93 is complete and perfect for Kether is 31 and Chockmah is 31 and Binah is 31 which is 93 the Numeration of Thelema, Aiwaz, The Word of the Neophyte, Agape, etc. And this is the Mystery of the Three Persons in One God of which it is written. And this is the Mystery concealed in the Word ALLAH for it hath for sound AL-LA which is GOD (Kether) and the Mystery of which is that SELF (God) is also SELFLESSNESS which is LA (Not) and for numeration 31 The Three is One which IS None, and the reverse of this Number is 13 which is UNITY and LOVE."

"Kether", "Chokmah" und "Binah" sind die drei obersten Sephroth des kabbalistischen Lebensbaumes und Thelema ergibt in griechischer Schreibweise, wenn die Buchstaben als Zahlen genommen werden, den Zahlwert 93. "AL" und "LA" sind hebräische Wörter mit dem Zahlwert 31. Was Achad so faszinierte war offensichtlich: 3 * 31 = 93.

Crowley antwortete Achad am 9. September 1919: "Your key opens Palace. CCXX has unfolded like a flower. All solved ". "CCXX" ist die Zahl 220 in römischen Ziffern, ein Synonym für das Liber L, weil es 220 Verse hat.

Was an dieser Interpretation befremdet ist, daß diese "Mysterien" in der christlichen Mystik alte Hüte sind. Wenn das "Mysterium der drei Personen in einem Gott" (Vater, Sohn, Heiliger Geist) alles ist, warum bleiben oder werden wir dann nicht einfach Christen? Wozu ein neues Äon für diese hinlänglich bekannten "Mysterien"?

Dieser Grund kann also kaum Anlaß sein den Titel des Buches von "L" auf "AL" zu ändern. Wenn wir versuchen im Liber L irgendwo eine Bestätigung der Achadschen "Geheimnisse" zu finden sieht es eher schlecht aus. Im Liber L sind viele Zahlen genannt, aber nirgends eine "31" - außer als Versnummern. Die drei Verse mit der Nummer 31 sind nicht, wie man annehmen sollte wenn die "31" der Schlüssel zu den Mysterien des Buches wäre, besonders bedeutsam:

I. 31: Um diese Narren von Menschen und ihre Nöte sorge dich nicht im geringsten! Sie fühlen wenig; was ist, ist durch schwache Freuden ausgeglichen; aber ihr seid meine Erwählten.
II. 31: Fragt Macht warum, dann ist Macht Schwäche.
III. 31: Ein reicher Mann kommt aus dem Westen, der sein Gold über dich schütten wird.

In I. 46. sagt Nu: "Nichts ist ein geheimer Schlüssel dieses Gesetzes. Die Juden nennen es ein-und-sechzig;". Das ist korrekt, denn im hebräischen bedeutet "AIN", 1 + 10 + 50 = 61, "Nichts" - "LA" oder "31" werden von Nu nicht erwähnt. In der Fortführung des Verses sagt Nu wie sie es nennt: "ich nenne es acht, achtzig, vier hundert & achtzehn", wiederum keine "31". Vor allem "Nichts ist ein geheimer Schlüssel", was ist, nach der "Offenbarung" des Frater Achad, daran noch geheim? Wie wäre es denn mit der Lesart: "Nichts" bedeutet, es gibt keinen geheimen Schlüssel?

Prüfen wir gegen diese Interpretation die Stimmigkeit des Titels "Liber L".

Das "L" könnte als römisches Zahlzeichen (L = 50), als Abkürzung von "Legis"  oder als hebräischer Buchstabe gemeint sein. Die letztgenannte Möglichkeit ist naheliegend, weil

  • Hebräisch eine der ältesten Buchstabenschriften ist.
  • jeder hebräische Buchstabe außer seinem Lautwert Symbol ist und einen Zahlwert hat.
  • Crowley das hebräische Alphabet beherrschte.
  • das hebräische Alphabet über seinen Ursprung, das phönizische Alphabet, direkt auf die altägyptische Hieroglyphenschrift zurückgeht - und die Götter des Liber L altägyptische Götter sind.
  • unser modernes Alphabet über das griechische Alphabet auch auf das phönizische Alphabet zurückgeht.

Buchstabe LamedDer Buchstabe "Lamed" gibt, wenn man ihn genauer betrachtet, einen zum Inhalt des Buches sehr passenderen Sinn: Lamed

  • ist der zwölfte Buchstabe des hebräischen - und auch unseres modernen - Alphabetes. Die 12 ist eine Zahl der Ganzheit, z.B. wegen der 12 Monate des Jahres.
  • symbolisiert einen Stachel oder Ochsentreibstock.
  • ist im Tarot der Karte "Gerechtigkeit" oder "Ausgleich" zugeordnet.
  • steht für das Sternbild Waage, die Sexualität, den jüdischen Monat Tischri (der erste Monat im jüdischen Kalender, bei uns etwa September-Oktober)
  • hat den Zahlwert 30, die Ganzheit des Monats (30 Tage), die dreißig Schekel die eine erwachsene Frau wert ist, die 30 Gerechten (zadikim) dank derer die Welt von Gott nicht zerstört wird, die 30 Gruppen von Gerechten in der kommenden Welt.
  • ist der Anfangsbuchstabe von "lew" (Herz, sitz der Liebe und der Weisheit) und "limud" (Lernen) und der letzte Buchstabe der Torah, des jüdischen Gesetzes, d.h. er vollendet das Gesetz (Ganzheit).
  • ist nach dem Sefer-ha-Temuna das, "was die Menschen die Erkenntnis lehrt".

Wir sehen, daß die Symbolik des Lamed durchgängig auf Erkenntnis von und Antrieb zu oder durch die Ganzheit von Gerechtigkeit, Gesetz und Ausgleich verweist. Da, wie Hegel sehr treffend bemerkte, die Wahrheit nur das Ganze ist, können wir "Ganzheit" durch "Wahrheit" ersetzen. "Antrieb" und "Stachel" verweisen auf: "auf einen Weg treiben". Kurz:

Lamed steht für den Weg zur Wahrheit als Gesetz der Gerechtigkeit.

Im pharaonischen Ägypten war Ma'at die Göttin von Wahrheit und Gerechtigkeit, genauer: der Identität von Wahrheit und Gerechtigkeit. Beim Totengericht wurde das Herz des Toten gegen die Feder der Ma'at gewogen - und dann wurde der Tote entweder als unsterblicher Gott in den Himmel der Götter aufgenommen oder sein Herz wurde der "Fresserin" zum verschlingen vorgeworfen, was der endgültige Tod war. Da die Götter des Liber (A)L altägyptische Götter sind ist die Interpretation der Gerechtigkeit als Ma'at naheliegend.

MaatHinzu kommt, daß der Text der Stele der Offenbarung Zitate aus dem ägyptischen Totenbuch, welches eine Beschreibung des Totengerichts, d.h. des Gerichts der Ma'at ist, enthält. Des weiteren bedeutet "Thelema" nicht einfach "Wille" in der heute geläufigen Bedeutung. Der Wille, als auf einen Zweck gerichteter psychischer Akt, entspräche dem griechischen "boule". Thelema ist der schöpferische "Heilswille", der Wille des Heils (Gottheit) und zum Heil, also zum Heil werden. Das Heile aber ist das Gerechte, die Ma'at. Interessant ist auch, daß der Ägyptologe Jan Assmann die ägyptische Religion der Spätzeit, also der Zeit der die Stele der Offenbarung entstammt, als eine "Theologie des Willens" bezeichnet.

Wenn wir dies alles zusammendenken, dann lesen wir den Titel "Liber L vel Legis" als: "Das Buch von der (Wahrheit als) Gerechtigkeit oder dem Gesetz". Kurzfassung:

Buch der Ma'at.

Die Ma'at ist sowohl das Gesetz als auch die das Gesetz gebende Gottheit. Nicht konstituiertes Gesetz, sondern das allgemeine Metagesetz von Gerechtigkeit durch Konsequenz: das Gesetz gebende Gesetz welches die Welt konstituiert und deshalb ihre ursprüngliche Wahrheit ist.

Alle Gesetze des alten Ägypten wurden auf das "Gesetz der Ma'at" zurückgeführt, überlieferten Vorstellungen und Sitten die bis in die frühesten Zeiten des vordynastischen Ägypten zurückreichen. Ein Gesetz, das dem Gesetz der Ma'at nicht entsprach, wäre nicht als geltendes Recht akzeptiert worden.

Nu sagt in I. 35: "Dies, was du schreibst, ist das dreifache Buch des Gesetzes." Sie sagt nicht, das "Buch AL des Gesetzes" oder "das Buch Gott des Gesetzes", sondern: "das dreifache Buch des Gesetzes". "Das Gesetz dreifach ist "LLL": "Liber L vel Legis".

  • "Liber", lat. Buch (auch: frei), steht für das gedruckte Liber L.
  • "L" oder "Lamed" als Bild-Symbol (s.o.), nicht als Zahl oder Buchstabe, steht für die Stele der Offenbarung.
  • "Legis", lat. Gesetz (auch: lesen, sammeln), steht für das handschriftliche Manuskript des Liber L.

Fügen wir hinzu, daß das Hieroglypen-Alphabet der alten Ägypter kein Zeichen für "L" kannte, woraus wohl korrekt geschlossen wird, daß die ägyptische Sprache diesen Laut nicht enthielt. Welche Bezeichnung sollte eine altägyptische Göttin für das unsichtbar wirkende Gesetz der Ma'at wählen? Ist "L" nicht die angemessenste Wahl? Vor allem, da es an der Stelle der Stele steht?

Was haben wir nun gewonnen, wenn wir zu dem ursprünglichen Titel "Liber L vel Legis" zurückkehren?

Wir haben das Mysterium "3 * 31 = 93" als Meister-Schlüssel der Interpetation aufgegeben und "LLL" als Grundfigur des dreifachen Gesetzes gewonnen. Die Götter des Liber L zeigen sich somit als lebendiges dreifaches Gesetz: das Geschehen der Gerechtigkeit, welches die ganze Wahrheit ist. Der Gott des alten Äons war hingegen die vergöttlichte Willkür eines Alldiktators - weltweit, wenngleich unter verschiedenen Namen und Konzepten.

Das Gesetz ist lebendig, denn es spricht im Liber L zu uns. Das Lebendige ist Gesetz, denn es ist das Geschehen der Gerechtigkeit. "Leben" bedeutet, wie uns die biologische Evolution wohl am offensichtlichsten demonstriert: Selbsttranszendenz (Selbstübersteigung) - aus den ersten Amöben werden Pflanzen, Tiere und Menschen. "Lebendiges Gesetz" bedeutet deshalb: Die Götter des Liber L sind die Muster der Selbsttranszendenz. "Selbsttranszendenz" ist

  • die exakte Bedeutung des Begriffs "Evolution"
  • die exakte Bedeutung des Begriffs "Leben"
  • die exakte Bedeutung der Begriffe "Geist" und "Gottheit"
  • die exakte Bedeutung des Begriffs "Thelema" (Vgl. I. 39).

Die Götter sind Gesetz und Geschehen der Selbsttranszendenz - deshalb gilt Selbsttranszendenz auch für sie wie in Liber III. 34 drastisch gezeigt wird: Jedes Äon ist eine Selbstüberschreitung, also ein neues Niveau, von Menschen und Göttern. Die Götter des jeweils alten Äons sind nicht falsch, aber genauso überholt wie der Schnuller des Kleinkindes  für den erwachsenen Menschen. Dieses Schicksal wird Ra-Hoor-Khut (Vgl. III. 34) genauso ereilen wie es Jehova und seine Genossen ereilt hat.

Gott ist tot - 
und er ist sich als gekröntes und eroberndes Kind neu entsprungen. 

Das Ganze oder die Gottheit muß ein Geschehen dreier dynamisch ineinander verwobener Götter sein, die einzig und einig, aber nicht Einheit sind, denn nur aus dem Wechselspiel kann Selbsttranszendenz entspringen - erst nach dem Sprung ist eine neue Einheit. Das Liber L stellt drei ineinander verwobene Dreiheiten dar:

  • Die drei Darstellungen: Stele, Manuskript und Buch
  • Die drei Kapitel: Nu, Had und Ra-Hoor-Khut
  • Die drei Götter des dritten Kapitels: III. 35. "Die Hälfte des Wortes von Heru-ra-ha, genannt Hoor-pa-kraat und Ra-Hoor-Khut."

Also nicht nur drei, wie in "3 * 31", sondern eine potenzierte Dreiheit, 32 = 9 - und der Vers der Thelema als Wort des Gesetzes benennt ist Vers I. 39, von der Drei zur Neun. Das Gesetz ist dreifach als dreifach und erzeugt dadurch Potenzierung oder Selbstüberschreitung: 3 * 3 = 9. Natürlich gibt es auch den umgekehrten Weg, 93, die Quadratwurzel aus neun ist drei - das Wort des Gesetzes ist seine Wurzel. 

"Selbsttranszendenz" ist im Weltbild des alten Äons undenkbar, weil der Mensch nur als sich, aus dem was samenhaft in ihm angelegt ist, ent-faltend und ent-wickelnd gedacht wurde - und heute noch wird. Der Mensch wird zu klein gedacht! Selbsttranszendenz bedeutet:

Der Mensch ist frei sich selbst zu überschreiten - 
das ist die Essenz der Botschaft des Liber L vel Legis.

Ein Liber L Fingerorakel gab auf die Frage, "Ist 'Liber L vel Legis' richtig", die Antwort I. 30: "Dies ist die Schöpfung der Welt, daß der Schmerz der Teilung wie nichts ist, und die Freude der Auflösung alles." Der Finger lag auf "Welt". Da 30 der Zahlwert von Lamed ist ....

von Michael D. Eschner

 

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Kommentare

Der letzte Buchstabe der Tora?

Verfasst von Punxatan (nicht überprüft) am Fr, 09/11/2007 - 15:54.

"Liber L" gefällt mir auch einfach besser als "Liber Al"...
Aber Deine Herleitung/ Begründung ist einfach faszinierend, Magdalena!

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Fremde Federn

Verfasst von Seba-u mut am Fr, 09/11/2007 - 22:08.

Wenn ich dir jetzt verrate, dass der Artikel von MDE ist, sagst du bestimmt, "na, das hab ich mir doch gleich gedacht!" Eye-wink

Sorry, ich war noch gar nicht ganz fertig mit einstellen, deshalb auch die fehlende Autorangabe und keine Verlinkung.

Aber ich finde diese Herleitung auch überzeugend, wobei - vor allem hatte mich schon das Originaldeckblatt überzeugt: Bilder sprechen eben für sich Smiling

Lieben Gruß,

Magdalena

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Leipziger Buchmesse 2008

Verfasst von Punxatan (nicht überprüft) am Sa, 10/11/2007 - 14:12.

Nee, das habe ich mir nicht gleich gedacht!
Aber wo Du's sagst, bin ich auch nicht grenzenlos überrascht...
Gelegentlich ist es schon vorgekommen, dass ich von MDE mal ein Buch gelesen habe. Von Dir noch nicht, Magdalena! Wird also Zeit, dass Du eins schreibst...

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