Wie das Liber L zu verstehen sei
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und seinen Kommentar & er versteht es nicht.
Einführung
Bücher werden gelesen und, da wir alle lesen gelernt haben, verstehen wir was wir lesen! Ist das so?
Lesen lernen bedeutet, daß man bestimmte Muster als Buchstaben eines Lphabetes erkennen und diese zu Wörtern zusammenzufügen lernt. Das ist alles. Was man dabei jedoch nicht lernt ist: Die Bedeutung des Gelesenen zu verstehen. Sicher, wir verstehen, alles und immer, irgendwie, irgendwas. Aber verstehen wir das, was der Schreiber gemeint hatte oder verstehen wir nur das, was wir eben, wie auch immer, verstehen?
Das Problem ist, das Wörter keine feste Bedeutung haben. Die Bedeutung von Wörtern wechselt je nach dem Kontext in dem sie gebraucht werden:
- je nach den Lebenserfahrungen desjenigen der sie gebraucht,
- je nach der sprachlichen Kompetenz des Sprechers oder Hörers,
- je nach dem sprachlichen Umfeld,
- und auch im Laufe der Jahre und Jahrhunderte wechselt die Bedeutung.
Daraus entsteht das Problem, das Texte nicht eine fraglose Bedeutung haben, sondern interpretiert werden müssen - und Interpretationen das Gemeinte treffen oder verfehlen können. Die dafür zuständige Wissenschaft - oder sollte man besser von Kunst reden? - ist die Hermeneutik. Das Wort kommt von dem griechischen "hermeneutike" und bedeutet "Auslegungskunst". In der neueren Terminologie wird darunter die Kunst des Verstehens und die Besinnung auf die Voraussetzungen des Verstehens verstanden.
Wer ohne selbstkritische Haltung gegenüber dem eigenen mechanischen Verstehen und ohne eine gewisse hermeneutische Befähigung an das Liber L herangeht, wird es auf triviale Weise falsch verstehen ... er wird nämlich nur sich selbst lesen, nur seine eigenen Vorurteile bestätigt finden.
Der hermeneutische Zirkel
Der hermeneutische Zirkel ist ein Grundmoment jedes Verstehens. In seiner einfachsten Form kann er so formuliert werden:
Um einen Text zu verstehen muß man jedes Wort dieses Textes verstehen,
aber die Wörter eines Textes kann man nur verstehen, wenn man den ganzen Text verstanden hat.
Wenn wir versuchen etwas zu verstehen, so setzen wir dabei notwendig ein durch unsere Lebensgeschichte vermitteltes Vorverständnis voraus. In der kritischen Auseinandersetzung mit einem Text kann dieses Vorverständnis geändert und revidiert werden, neue und andere Einsichten und Erkenntnisse fließen in das bisherige Vorverständnis ein. Mit diesem neuen Verständnis können wir dann nochmals an den Text herangehen, was wiederum zu einen neuen Verstehen führt usw. So ist unser Verstehen, wenn wir denn wirklich verstehen wollen, zirkulär, es bewegt sich in Kreisen des Verstehens die im besten Fall zu einer Spirale des Verstehens werden.
In einem Gespräch können wir nachfragen was denn gemeint sei und unser Verstehen verbessern. Einen Text hingegen müssen wir immer wieder mit der Bereitschaft zu neuem Verstehen lesen und bedenken - ansonsten verstehen wir nie was der Text meint, sondern nur das, was unserem Vorverständnis entspricht.
Das ist beim Liber L nicht anders als bei anderen Texten!
Einige meinen, daß ein Text wie das Liber L so geschrieben sein müßte, daß ihn jeder gleich richtig versteht. Das wäre nur möglich, wenn Wörter eine feste und unabänderliche Bedeutung und alle Leser die gleiche Vorbildung und Lebenserfahrung hätten. Da diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, ist es selbst für Götter unmöglich einen Text zu verfassen den jeder gleich richtig versteht. Die hermeneutische Arbeit muß jeder Mensch selbst leisten!
Gibt es wahre und falsche Interpretationen des L?
Der oben zitierte Vers 3.63 sagt ganz deutlich, daß es Möglichkeiten gibt das L zu lesen und es nicht zu verstehen. Auch Verse wie 2.27 weisen auf Fehler hin. In diesem Sinne bespreche ich im folgenden Kapitel einige Fehlermöglichkeiten.
Andererseits gibt es keinen Vers des L der besagt, daß es nur eine einzige richtige und somit die wahre Interpretation gäbe. Die Einsicht in die Unmöglichkeit der einen wahren Interpretation eines Textes ist eine wesentliche Erkenntnis der modernen Hermeneutik. Der Vater der modernen Hermeneutik, Hans-Georg Gadamer, sagt: "Verstehen ist immer Auslegung" und erteilt damit jedem objektiven Verstehen eine klare Absage.Das schließt zwar die Möglichkeit einer "konsensuellen Interpretation" nicht aus, nimmt aber auch dieser jede Möglichkeit sich als Wahrheit zu verstehen.
Wie können wir dann aber an das Verständnis eines Textes herangehen?
Gadamer beschreibt Verstehen als ein Gespräch, in dem wir durch unsere Frage den Text erst zum Reden bringen, unsere Fragen andererseits aber auch erst durch den Text angeregt werden: "Es ist daher mehr als eine Metapher - es ist eine Erinnerung an das Ursprüngliche, wenn sich die hermeneutische Aufgabe als ein In-das-Gespräch kommen mit dem Text begreift. Daß die Auslegung, die das leistet, sich sprachlich vollzieht, bedeutet nicht eine Versetzung in ein fremdes Medium, sondern im Gegenteil die Wiederherstellung ursprünglicher Sinnkommunikation. Das in literarischer Form überlieferte wird damit aus der Entfremdung, in der es sich befindet, in die lebendige Gegenwart des Gesprächs zurückgeholt, dessen ursprünglicher Vollzug stets Frage und Antwort ist."
Die Interpretation eines Textes ist keine distanzierte wissenschaftliche Leistung. Die Begegnung mit dem Text wird eine neue Erfahrung. Echtes verstehen wollen impliziert immer Risikobereitschaft, denn es ist nie abzusehen, auf welche Weise ein Text, dem wir uns öffnen, in unser Leben eingreifen wird. Was auch immer für ein Vorverständnis wir an einen Text herantragen, es wird enttäuscht werden wenn wir uns wirklich dem Text öffnen, denn der Text entfaltet seine Wirkung dort, wo wir sie nicht vorausgesehen haben. Deshalb sagt Gadamer: "Jede Erfahrung, die diesen Namen verdient, durchkreuzt eine Erwartung."
In diesem Sinne sei der vorliegende Text verstanden: Ich will nicht mitteilen was die Wahrheit des L ist, sondern vorhandene Verständnisse und Interpretationen verunsichern - um neue Horizonte des Verstehens zu eröffnen.
Typische Fehler der L-Interpretation
Der erste typische Fehler liegt auf der Hand und begegnet dennoch immer wieder: Ein Vers oder Satz des L wird zitiert - oder dem Gesprächspartner um die Ohren gehauen - und die selbstverständliche Bedeutung gleich mitgeliefert. Jeder Versuch einen einzelnen Vers des L, ohne Bezug auf den gesamten Text, zu interpretieren ist - wegen des hermeneutischen Zirkels - problematisch, höchstens als anfängliche Arbeitshypothese angemessen. Dieses Verfahren kann nur kritiklos von dem eigenen Vorverständnis ausgehen und findet im L nur die Bestätigung der eigenen Vorurteile.
Da wird einem, wenn man ein wenig differenziert, z.B. L 1.22 ".. Machet da unter euch keinen Unterschied zwischen irgendeiner Sache & irgendeiner anderen Sache;" um die Ohren gehauen - aber auf die Nachfrage wie das denn z.B mit L 1.29 "Denn ich bin geteilt um der Liebe Willen ..." zusammenpaßt wird man der Spitzfindigkeit verdächtigt. Unheilige Einfalt! Dabei könnte man ja schon in L 1.22 bemerken, daß die Aufforderung keine Unterschiede zu machen in einem bestimmten Kontext geschieht, nämlich im Kontext von Nuit in ihrem Aspekt als Isis, als Infinite Space und Infinite Stars. Hier wird ein mathematisch bekannter Sachverhalt beschrieben, nämlich die Unendlichkeit des Kontinuums, welches verletzt wird wenn man diskrete Differenzen einzeichnet - und damit Nuit, das Kontinuum, nicht mehr sehen kann. Die Aufforderung keine Unterschiede zu machen muß mindestens im Kontext des gesamten Verses und insbesondere auch des vorhergehenden Verses, denn L 1.22 beginnt mit "... deshalb ...", gelesen werden. Alles andere ist schlicht eine Vergewaltigung des L im Interesse der Bestätigung eigener Vorurteile.
Der zweite typische Fehler besteht darin, daß eine Teilmenge der Verse des L, gewöhnlich aus dem Zusammenhang gerissen, zusammenhängend gedeutet, andere Verse aber außer acht gelassen werden. Der Fehler ähnelt dem ersten Fehler, man hat sich nur etwas mehr Arbeit gemacht bei der Bestätigung der eigenen Vorurteile. Ein typisches Beispiel sind die Leute, welche Verse verherrlichen in denen sie Aufforderungen zur Gewalt zu finden meinen, versus die Leute, welche Verse verherrlichen, welche die Liebe betonen.
Der dritte typische Fehler besteht darin, nur einen Teil des L, gewöhnlich den ersten Teil, Nuit, gut zu finden. Der Fehler ist dem zweiten Fehler sehr ähnlich, nur nicht ganz so willkürlich.
Ein vierter typischer Fehler setzt die Relevanz des Kommentars am Ende des L mit der Relevanz des L-Textes gleich oder sogar darüber. So steht im Kommentar, daß das Studium, nicht etwa das Lesen, des L verboten sei - eine Feststellung die einigen Versen des L deutlich widerspricht - wie überhaupt der gesamte Kommentar wesentlichen Aussagen und Gesetzen des L widerspricht. Eigentlich sollte klar sein, daß ein Kommentar zu einem Text, sei er auch in der Weisheit des Ra-Hoor-Khu gegeben, nicht die Relevanz des Ursprungstextes haben kann. Hier ist wohl auch zur Interpretation die Weisheit des Ra-Hoor-Khu, der ja bekanntlich ein "Gott des Krieges und der Rache" ist, erforderlich. Diese angewandt, liegt eine Deutung des Kommentars als Ironie sehr nahe.
Der fünfte Fehler besteht darin die Wortbedeutungen willkürlich nach dem eigenen Vorverständnis unkritisch zuzuordnen. Man weiß ja schließlich was Begriffe wie "Liebe" oder "Wille" bedeuten. Tatsächlich haben gerade diese beiden Begriffe eine lange kulturgeschichtliche Entwicklung durchgemacht und es ist sicher kein Zufall, daß für Wille sowohl das Wort "Thelema", das griechische Wort für Wille, als auch das moderne "will" verwendet wurde. Zwischen "Thelema" und "will" erstreckt sich die ganze europäische Kultur- und Geistesgeschichte. Begriffe wie "Wille" und "Liebe" sind historisch, kuturell, philologisch und philosophisch sehr voraussetzungsvolle Begriffe die ohne intensives Studium und Bedenken keinesfalls dem L angemessen verstanden werden können.
Damit kommen wir zum sechsten Fehler: fehlende Voraussetzungen! Um das an einem Beispiel zu illustrieren: Wer die Bibel nicht kennt kann das L nicht vollständig verstehen. Warum? Weil das L eine Fülle von Anspielungen auf die Bibel enthält - die man nur verstehen kann, wenn man die Bibel kennt! Genau genommen reicht es nicht einmal nur die Bibel zu kennen, auch eine Kenntnis der Kirchengeschichte ist vonnöten. So stellt sich z.B das vom Kommentar ausgesprochene Verbot des Studiums des L in einem neuen Lichte dar, wenn man weiß, daß die Bibel im Mittelalter auf dem Index der von der Kirche verbotenen Bücher stand und die Bemerkungen über das Studium des L einen direkten historischen Bezug zur Rezeptionsgeschichte der Bibel, zur Auseinandersetzung zwischen Vatikan und Philosophie bezüglich der Diskussion und Interpretation der Bibel, haben. Man kann den Kommentar dann als Hinweis auf die Auseinandersetzungen der
mittelalterlichen Scholastik über das Studium und die Interpretation der Bibel lesen. Tatsächlich findet man in heutigen L-Diskussionen genau die Argumente um die es damals auch ging, bloß wurden die Probleme damals auf einem viel höheren Niveau diskutiert und sind die Anfänge kritischer Bibel-Hermeneutik.
Damit kommen wir zum siebten Fehler: Die Annahme alles altäonische sei falsch und verwerflich zur Voraussetzung der L-Interpretation zu machen. Sicher, "die Rituale der alten Zeit sind schwarz", das gilt für jedes neue Äon. Aber, da sind auch die "guten" Rituale die nur "gereinigt", nicht etwa verworfen, werden müssen. Das ergibt dann kein einfaches scxhwarz/weiß Bild, sondern eine viel differenziertere Konstellation die man treffend mit dem Begriff der dialektischen "Aufhebung", wie ihn Hegel verwendet hat, beschreiben kann:
- Aufheben als Emporheben
- Aufheben als Aufbewahren
- Aufheben als ungültig machen, z.B. ein Gesetz wird aufgehoben.
Alle drei Bedeutungen dieses Begriffs treffen auf die Aufhebung des Alten Äons zu. Das Gute ist aufzubewahren, das unbrauchbare ist zurückzulassen und insgesamt wird durch das Neue Äon die Menschheit auf eine höhere Entwicklungstufe emporgehoben. Das bedeutet dann aber auch, daß man das kulturelle Erbe des Alten Äons kennen muß, wie anders könnte man im Sinne des Aufhebens mit ihm umgehen?
Dies alles bedacht wird klar: Das Liber L vel Legis ist keine einfache Erzählung von Geschichten, historischen Begebenheiten und Moralvorschriften wie es die Heiligen Bücher des Alten Äons (Bibel, Koran etc.) sind. Ein Gleichnis wie das von David und Goliat ist jedem Kind verständlich und dem Kindergarten der Weltgeschichte durchaus angemessen. Mit dem Neuen Äon tritt die Menschheit jedoch in das Erwachsenenzeitalter ein und das Heilige Buch des Neuen Äons kann deshalb kein Buch mit Kindergeschichten mehr sein, sondern fordert zu seinem Verständnis den kritischen Einsatz aller Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten eines gebildeten Kulturmenschen der modernen Welt.
Ein angemessenes Verständnis des L erfordert nicht unbedingt ein philosophisches Studium, obwohl das nicht schaden kann, aber jedenfalls erfordert es zwingend die Beherrschung der kulturellen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten des Alten Äons, denn auf diesem baut das Neue Äon auf, es ist die unverzichtbare Basis des Neuen Äons. Anders vorzugehen wäre ähnlich dem Versuch ohne Grundschule, d.h. ohne lesen und schreiben zu können, gleich in das Studium der Philosophie einsteigen zu wollen.
Alle die hier aufgezählten Fehler und Interpretationshilfen sind jedoch, wir erinnern uns an das vorangehende Kapitel, mit einem Körnchen Salz zu lesen. Genauso wie es keine wahre Interpretation gibt, genauso gibt es keine wahre Methode der Interpretation. Wenn Du also feststellst, daß Du einen der angeführten Fehler gemacht hast, muß Dein L-Verständnis deshalb nicht notwendig falsch sein. Möglicherweise könntest Du aber Deinem L-Verständnis neue Horizonte eröffnen, wenn Du diesen Fehler - versuchsweise - vermeidest.
Die Traditionslinie des Liber L
Das L stellt sich selbst deutlich in die Traditionslinie der Äonen und die Traditionslinie des Liber L ist aus vielen Versen leicht zu erkennen:
Das alte Ägypten mit seinen Mysterien bis zum Auszug der Juden unter Moses.
Die jüdische Religion einschließlich des Alten Testamentes, insbesondere der Thora und des jüdischen Mystizismus, insbesondere der Kabbalah, bis zur Geburt Jesu.
Die christliche Religion in der Ausprägung der römisch-katholischen Kirche einschließlich des Neuen Testaments und einiger Elemente der Gnosis, insbesondere wichtig die Philosophie wie sie sich spezifisch und ohne parallele in anderen Kulturen in Europa entwickelt hat, bis zum Jahre 1904
Moses führte in die Religion die Unterscheidung zwischen wahr und unwahr ein, die sogenannte "Mosaische Unterscheidung". Es ist ein Irrtum wenn man annimmt, daß diese Unterscheidung so alt sei wie die Religion. Die antiken Polytheismen unterschieden verschiedene Götter nach Name, Gestalt und Funktion, nicht aber nach wahren und falschen Göttern. Am Beispiel des Umgangs des Imperium Romanum mit den Göttern besiegter Städte und Länder ist dies sehr deutlich zu beobachten: Die Götter der besiegten Völker wurden in das eigene Pantheon aufgenommen.
Die Mosaische Unterscheidung eröffnete einen Raum, der durch diese Unterscheidung allererst geschaffen wurde, den Raum des jüdisch-christlich-islamischen Monotheismus. Das ist ein geistig-kultureller Raum der durch diese Unterscheidung konstruiert und von uns Europäern seit nunmehr über zwei Jahrtausenden bewohnt wird. Diese Unterscheidung fängt an mit Juden und Heiden und endet bei Katholiken, Protestanten, Lutheranern, Calvinisten und hunderten von weiteren Unterscheidungen und Unterunterscheidungen. Dadurch wird nicht nur eine Welt voller Bedeutungen, Identitäten und Orientierungen konstruiert, sondern gleichzeitig eine Welt voller Konflikt, Intoleranz und Gewalt.
Verse wie L 1,29 "Denn ich bin geteilt um der Liebe Willen, für die Möglichkeit der Vereinigung", L 1.56 "...Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr ...", L 3.22 "Die anderen Bilder gruppiere um mich herum ... alle seien verehrt" usw. sind ohne ein historisch-kulturelles Verständnis der Mosaischen Unterscheidung in ihrer Bedeutung für das Neue Äon nicht vollständig zu erfassen. Das L geht über diese Unterscheidung hinaus, aber nicht indem es sie einfach verwirft, sondern indem sie dialektisch aufgehoben wird. Hegelianisch gesprochen: Das L insistiert auf der Identität von Identität und Differenz.
Die nächste Schlüsselstelle nach Moses ist die sogenannte Achsenzeit, in welcher, zwischen 300 und 800 vor Christi, der Mensch sich als Individuum zu begreifen begann und die im Christentum kulminierte. Auch dadurch wurde ein geistig-kultureller Raum eröffnet den wir Europäer in der Folge bewohnten und noch bewohnen und der sich z.B. in dem typisch westlichen Konstrukt der Menschenrechte und in der typisch westlichen Art zu philosophieren äußert.
Das Liber L als Bibel des Neuen Äons leitet eine neue qualitative Wende ein ähnlich der Mosaischen Unterscheidung und der Achsenzeit und die Art dieser Wende ist im Liber L beschrieben.
Es sollte deutlich geworden sein, daß das Liber L nicht im Bodenlosen schwebt, sondern tief in der Tradition unserer Kultur verwurzelt ist und ohne Kenntnis und Rekurs auf seine traditionellen Wurzeln nicht angemessen verstanden werden kann. Das Liber L setzt die spirituell-kulturellen Entwicklungen wie sie aus den ägyptischen Mysterien, der jüdischen Thora und den christlichen Evangelien gewonnen werden können voraus - um sie dann aufzuheben.
Natürlich ist auch das eine Interpretation - aber eben eine Interpretation die sich für mich als sehr nützlich bei meinem Gespräch mit dem L erwiesen hat. Diese historische Perspektive des L gibt ihm eine Tiefe die m.E. anders kaum zu gewinnen ist.
Wie nun zu lesen sei ...
Am nähesten kommt man, denke ich, der Funktion des Liber L, wenn man es als ein großes, komplexes Koan betrachtet. Das wesentliche eines Koan ist das Paradoxon, also das was jenseits des logischen Denkens ist, was das logische Denken transzendiert.
Eine wichtige Unterscheidung der europäischen Geistesgeschichte ist die zwischen Verstand und Vernunft. Der Verstand ist die Fähigkeit nach Regeln zu handeln und sich an Identitäten und Unterscheidungen zu orientieren. So sind "weil" und "warum" typische Kategorien des Verstandes. Die Vernunft hingegen ist die Fähigkeit zu reflektieren, d.h. über das Denken zu Denken. Das bedeutet nun nicht, daß einfach Denkregeln auf Denkregeln angewandt werden, das wäre immer noch Sache des Verstandes. Die Vernunft ist, wie das L sagt, "eine Lüge, denn es gibt einen Faktor unendlich und unbekannt und all ihre Worte sind schief" - für den Verstand. Das ist eine exakte Beschreibung der Vernunft, denn ihr Metier ist das Paradox. Am Beispiel:
"Dieser Satz ist falsch" - wenn dieser Satz wirklich falsch ist, dann ist er wahr, denn er ist ja wirklich falsch, was er auch behauptet, aber dann ist er, weil er ja sagt er sei falsch, eben wahr - aber damit ist er, weil er ja sagt er sei falsch eben nicht wahr usw. Dieser Wechsel von, wenn er wahr ist ist er falsch, wenn er falsch ist er wahr, geht fort ins Unendliche und der wirkliche Wahrheitswert des Satzes bleibt immer unbekannt. Alles was über den Wahrheitswert dieses Satzes gesagt werden kann ist eine Lüge, wenn man sagt er sei wahr, dann ist er ja falsch - und umgekehrt.
Wie aus dem Beispiel schon ersichtlich ist Vernunft ohne Verstand nicht zu haben, denn ohne die logischen Fähigkeiten des Verstandes wäre ein Paradox nicht einmal zu erkennen. Die Vernunft baut auf dem Verstand auf und setzt diesen voraus. Jedes Koan beginnt beim Verstand um diesen dann zu transzendieren. Wollte man versuchen dem Koan gleich mit der Vernunft beizukommen und den Verstand zu überspringen würde man sich nur in Phantastereien verlieren.
Man geht also mit all seinem Wissen und all seinen Verstandeskräften an das Studium des L heran. Studiert, kontempliert und meditiert es immer wieder von vorn bis hinten - ästhetisch, hermeneutisch, philosophisch, religiös und wie auch immer. So gerät man ins Gespräch mit dem L, stellt Fragen an das L, bekommt Antworten vom L, wird vom L zu neuen Fragen angeregt, verwickelt sich in Widersprüche - und genießt diese - löst Widersprüche auf - und erfreut sich auch daran.
In der ersten Phase, nennen wir sie die Phase unkritischer Interpretation, wird man im L natürlich nur das lesen können was dem eigenen Vorverständnis entspricht, aber es werden Fragen offenbleiben und neue Fragen entstehen. Man kann hier stehen bleiben und die Fragen ignorieren oder zu mystischen Geheimnissen verklären - oder aber tiefer einsteigen.
Damit beginnt die Phase aktiver Hermeneutik, d.h. man wandert immer wieder hin und her zwischen allen Versen, findet Stellen die zueinander passen und Stellen die nicht zueinander passen und versucht aktiv eine Interpretation zu konstruieren die möglichst viele Fragen beantwortet und möglichst viele neue Fragen stellt. Wenn man das lange und ausdauernd genug macht wird man eine hermeneutische Technik entwickeln. Man lernt immer mehr mögliche Interpretationen einzelner Verse und dadurch erlernt man, durch symbolische Generalisierung, Methoden der Interpretation des L. Die Einzelfälle werden verallgemeinert und auf andere Verse angewandt. So kommt man zu einem Gespräch mit dem L - mit dem man sich zufrieden geben kann, aber nicht muß.
Gibt man sich damit nicht zufrieden beginnt die Phase der Reflexion. Hier macht man sich die Kontexte seiner Interpretation bewußt, man lernt wie man lernt, lernen des Lernens oder Interpretieren des Interpretierens: das Gespräch über das Gespräch. In diesem Prozeß werden die Voraussetzungen der eigenen Interpretationen bewußt und damit werden diese Interpretationen schal. Man wird aus Verzweiflung neue, bessere Interpretationen versuchen, diese aber bald nur als andere Interpretationen erkennen. Das wesentliche dieser Stufe ist: Die Interpretation der eigenen Interpretation - und das ist Reflexion: Denken des Denkens. Man wird immer wieder auf sich selbst zurückverwiesen und das L bzw. die Interpretationen des L werden immer mehr als Spiegel des eigenen Ich, der mitgebrachten Denk- und Erfahrungsvoraussetzungen erkennbar. Das eigene Ich nimmt in diesem Prozeß eine Art Irrelevanz an und kann nicht mehr als zentrales Argument in der Interpretation des L, ja nicht einmal mehr in der Interpunktion der Erfahrung fungieren. Das L und die Welt insgesamt beginnen ein von keinem Ich mehr geordnetes Eigenleben. Diese Phase ist gefährlich, denn die Erfahrung der Irrelevanz des Ich ist schlicht psychotisch.
Die große Gefahr dieser Phase besteht darin, daß man die erfahrene Kontingenz aller Interpretationen nicht als kognitive erkennt, sondern auf die reale Welt überträgt und denkt, alles sei kontingent (auch anders möglich).
Es gibt nun vier Möglichkeiten:
- Ich Verlust ohne weitere Entwicklung, also ein Zustand der von der Psychatrie als psychotisch bezeichnet wird.
- Glückliche Einfachheit, d.h. das Ich ist nicht mehr für die Organisation des Verhaltens verantwortlich, denn man hat ja die Nichtigkeit der eigenen Konstruktionen durchschaut. Man ißt wenn man Hunger hat, schläft wenn man müde ist, hat keinerlei Bedürfnis zu Karriere oder sozialen Statusspielen, folgt unschuldig den einfachen Bedürfnissen des Lebens.
- Kosmische Dezentrierung, d.h. die persönliche Identität geht im Ganzen des Kosmos, in all den Beziehungsprozessen einer umfassenden ökologischen oder ästhetischen Interaktion auf. Es ist das ozeanische Gefühl in dem jede Einzelheit des Universums als das Ganze empfunden wird, die klassische Erleuchtung altäonischer Mystiker.
- Erschaffung des Selbst, d.h. man erkennt auch die drei vorhergehenden Möglichkeiten als Konstruktionen des Verstandes, erinnert sich des L-Verses 2.27 "... denn wer diese Runen nicht versteht ..." und beginnt sich als Selbst neu zu erschaffen.
Der Fehler der ersten drei Möglichkeiten besteht einfach darin, daß alle Optionen als gleichwertig erkannt werden und somit nichts mehr zu tun bleibt. Sicher, von einem abstrakten Standpunkt aus ist es richtig, daß alle Optionen gleichwertig sind. Aber jeder Mensch ist ein Stern, somit ein einzigartiges Individuum mit einzigartigen Möglichkeiten. Bezogen auf mich als Stern und Individuum mit meiner und nur meiner einzigartigen Kombination von Fähigkeiten sind aber eben nicht alle Optionen gleichwertig - und daraus ergibt sich das was man den Wahren Willen nennt. Dieser ist die Basis des Selbst und als dieses Selbst muß deshalb jeder Mensch sich selbst aus den Trümmern seiner Ich-Identität neu erschaffen. Das Liber L ist das Werkzeug dazu.
In diesem Prozeß, wenn er denn konsequent und intensiv durchgeführt wird, fängt das L an ein Eigenleben zu entwickeln und sich, sozusagen, zu offenbaren. Die Folgen dieses Prozesses werden, der Kommentar weist ausdrücklich darauf hin, "ausgesprochen schrecklich" sein: Die Wandlung vom altäonischen Primaten zum neuäonischen Thelemiten!
Woher ich das alles weiß? Erfahrung 
Geschrieben am 8. 9. und 10. April 2002 jeweils von 12.00 bis 13.00 Uhr.
Überarbeitet und geändert am 16. April Gagazeit.
Michael D. Eschner
Copyright 2007 by Michael D. Eschner
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Kommentare
beautiful!
Brillianter Text! Enthält inspirierende und für mich sehr stimmige Interpretationen gewisser Verse!
Was auch der Weg der Auslegung ist, "to all it shall seem beautiful..." (3.68)!
Wie ich auch drangehe, was mich am meisten berührt am LL ist die eigentümliche Schönheit im Bau und Klang der Sätze, in den Symmetrien- und Symmetriebrüchen...
"Gott ist schön", so lautet der Titel eines interessanten, wenn auch etwas "langfädigen" Buches zur Rezeption und Wiedergabe des Korans (Navid Kermani, Das ästhetische Erleben des Koran, C.H.Beck). Es hat auch meine Wahrnehmung des LL beeinflusst.
Ich habe mal gelesen, dass am LL-Fest der TS die Texte gechantet werden. Wie geht ihr da vor?
Und noch eine Frage zum Verständnis des Titels:
Meines Wissens sind die diversen Libri von AC mit römischen Ziffern nummeriert. Das "L." in "Liber L vel Legis" scheint aber nicht als Ziffer zu agieren (wie z.B. bei "Liber LXX"), sondern spielt eine ähnliche Rolle wie das "B" bei "Liber B vel Magi" (hier im Sinne von "Beth"). Richtig? Darauf läuft ja auch Dein kürzlich mit Freude wiedergelesener Artikel "LLL-Kanon des Gesetzes" hinaus. Oder?
Herzliche Grüsse!
Mayet
Die Schönheit des Liber L vel Legis
Hallo Mayet,
<i>Brillianter Text! Enthält inspirierende und für mich sehr stimmige Interpretationen gewisser Verse!</i>
Ja, diesen Artikel von MDE finde ich auch immer wieder sehr anregend und überzeugend
<i>Was auch der Weg der Auslegung ist, "to all it shall seem beautiful..." (3.68)!
Wie ich auch drangehe, was mich am meisten berührt am LL ist die eigentümliche Schönheit im Bau und Klang der Sätze, in den Symmetrien- und Symmetriebrüchen...</i>
Das finde ich auch immer wieder, durch diese schöne Form wird der Inhalt so faszinierend und "verführerisch". Den Unterschied in der Wirkung finde ich immer so deutlich, wenn ich andere als die MDE-Übersetzung des LLL lese, das holpert und plagt sich für mein Empfinden und nimmt so viel der transformatorischen Wirkung. Aber vielleicht liegt das nur daran, dass ich sozusagen von dieser Übersetzung "geprägt" wurde.
Wie geht es dir damit? Oder liest das LLL eh vor allem im Original?
<i>Ich habe mal gelesen, dass am LL-Fest der TS die Texte gechantet werden. Wie geht ihr da vor?</i>
Am Nuit-Tag um 12 Uhr chanten wir alle gemeinsam das gesamte Nuit-Kapitel, am Hadit-Tag Hadit, bei Ra-Hoor-Khuit seines. Da Chanten ein schnelles Sprechen ist, wiederholen wir das Kapitel mehrmals, bis die Stunde rum ist.
<i>Und noch eine Frage zum Verständnis des Titels:
Meines Wissens sind die diversen Libri von AC mit römischen Ziffern nummeriert. Das "L." in "Liber L vel Legis" scheint aber nicht als Ziffer zu agieren (wie z.B. bei "Liber LXX"), sondern spielt eine ähnliche Rolle wie das "B" bei "Liber B vel Magi" (hier im Sinne von "Beth"). Richtig? Darauf läuft ja auch Dein kürzlich mit Freude wiedergelesener Artikel "LLL-Kanon des Gesetzes" hinaus. Oder?</i>
Auch dazu hat MDE mal eine - wie ich finde - sehr gute Deutung geschrieben. Kleiner Auszug:
"Nu sagt in I. 35: "Dies, was du schreibst, ist das dreifache Buch des Gesetzes." Sie sagt nicht, das "Buch AL des Gesetzes" oder "das Buch Gott des Gesetzes", sondern: "das dreifache Buch des Gesetzes". "Das Gesetz dreifach ist "LLL": "Liber L vel Legis".
"Liber", lat. Buch (auch: frei), steht für das gedruckte Liber L.
"L" oder "Lamed" als Bild-Symbol (s.o.), nicht als Zahl oder Buchstabe, steht für die Stele der Offenbarung.
"Legis", lat. Gesetz (auch: lesen, sammeln), steht für das handschriftliche Manuskript des Liber L.
Fügen wir hinzu, daß das Hieroglypen-Alphabet der alten Ägypter kein Zeichen für "L" kannte, woraus wohl korrekt geschlossen wird, daß die ägyptische Sprache diesen Laut nicht enthielt. Welche Bezeichnung sollte eine altägyptische Göttin für das unsichtbar wirkende Gesetz der Ma'at wählen? Ist "L" nicht die angemessenste Wahl? Vor allem, da es an der Stelle der Stele steht?"
Diesen Text wollte ich eigentlich auch schon immer mal hier veröffentlichen. Gut dass du mich daran erinnerst
Werde ich demnächst machen.
Eine weitere Deutung des L hatten wir kürzlich: Es steht für "Ludis" - Also Buch des Spiels oder des Gesetzes
)
Passt auch schön
Noch allgemein: Wundere dich nicht, dass ich hier antworte. MDE liest momentan leider kaum auf dieser Seite mit, sondern pflegt in seiner Internet-Zeit dannn vor allem seine Site. Daher werde ich oder ein anderer dir so gut wir können auf deine Fragen antworten. Wenn du noch weitergehende Fragen an MDE hast, bitte ich dich ihn über seine Site zu kontaktieren.
Lieben Gruß bis bald!
Lena