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Den Leib erfahren

Vielleicht hast du dich schon gefragt, weshalb dieser ungewohnte Begriff "Leiberfahrungen"? In der Thelema Society haben wir mit diesen Begriff vor einigen Jahren den bis dahin gängigen Begriff Körperübungen abgelöst. Wir zeigen damit an, dass wir bei unseren Übungen alle Dimensionen des Leibes, von denen der Körper eine ist, einbeziehen.

Körper-Übungen oder Leib-Erfahrungen?

Leiberfahrungen sind bei uns ein wesentliches Element der drei Säulen menschlicher Weiterentwicklung: Kopf, Herz, Hand. Der Leib selbst ist wiederum eine Einheit von Kopf, Herz und Hand.

Vielleicht hast du schon die Erfahrung gemacht, dass du Hilfe bei einem Arzt suchtest, der deinen Körper als ein Ding betrachtete, das man vermessen, wiegen, untersuchen muss, um dann eine mechanistische Methode auszuwählen, die ihn gesund machen soll. Viele Schulmediziner treiben das so weit, dass sie zu Beginn der Behandlung nicht einmal ein Gespräch zwischen Arzt und Patient für nötig halten, sondern sofort mit ihren Instrumenten anrücken, um dieses, in ihren Augen geist- und seelenlose Ding zu durchleuchten. Dass man mit solchen Behandlungen den Leib kaum heilen kann, ist einsichtig. So überhaupt nur die Ursache des Problems zu finden, ist reines Glücksspiel.

Natürlich, diese Reduzierung des Leibes auf den Körper liegt nahe, denn das Körperhafte „ist das der naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethode allein Zugängliche“. (Medard Boss)

Ein schönes Beispiel für diese Verfehlung des menschlichen Leibes bringt Medard Boss in seinem Artikel „Die Leiblichkeit des Menschen“: Wie ein Kunstwerk ist der Leib nicht erfasst, wenn man nur die materielle Erscheinung untersucht.

„Die Picasso-Bilder zum Beispiel, die sich das Volk von Basel kürzlich für einige Millionen Schweizer Franken erstand, können mittels naturwissenschaftlicher Methoden als Natur-Körper der Länge, Breite und Tiefe nach vermessen, ihr Gewicht kann gewogen und ihre Substanzen können chemisch analysiert werden. Alle diese mittels einer chemisch-physikalischen Untersuchungsmethode eruierbaren Daten zusammen vermögen jedoch nichts von jenem zu sagen, das die Picasso-Bilder zu dem macht, was sie sind. Ihr Kunstwerk-Charakter wird von der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise nicht einmal berührt. Gerade bei solchen Kunstwerken läßt sich der Grad an Unterbestimmtheit, die den naturwissenschaftlich an ihnen erbringbaren Angaben anhaftet, mit den Händen greifen. Der Kaufwert der Bilder als Kunstwerke dürfte zum Preis des naturwissenschaftlich errechenbaren "Materials" in einem Verhältnis von 1 000 000 : 1 stehen. In noch weit größerem Ausmaß wird die spezifische Eigenart des menschlichen Leib-seins verkannt, wenn von diesem nur die naturwissenschaftlich meßbare Länge, das Gewicht, die mechanische Beweglichkeit, die chemische Zusammensetzung und die kybernetischen Ordnungsgefüge eines Körpers angegeben werden.“

Erstaunlicherweise sind diese mechanistischen Sichtweisen auch heute, wo schon Lieschen Müller ohne jede esoterische Neigung von „Psychosomatik“ spricht, nicht selten.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Dennoch: Auch wenn Menschen schon ganz aufgeklärt von Körper, Geist und Seele sprechen, werden diese „Teile“ immer noch getrennt gesehen. Diese trennende Sichtweise zeigt sich noch in Formulierungen wie „der Körper trägt die von der Psyche kommenden Schwierigkeiten aus“, „Geist herrscht über Materie“, „Sexualität entsteht im Kopf“.

Dahinter stehen Vorstellungen von drei „Teilen“ in einer Art Hülle, die aufeinander Einfluss haben.

Aber ist nicht Geist selbst schon sinnlich-körperlich? Da Geist selbst sinnlich ist, sind für dich auch Erfahrungen sinnlich, die du nicht mit deinen fünf Körpersinnen machst.

„Auch jenes, das wir "bloß" vergegenwärtigen, bedenken, phantasieren und erinnern, ist uns in durchaus sinnenhafter Anschaulichkeit gegeben. Was immer wir vergegenwärtigen, erinnern, bedenken und phantasieren, vernehmen wir in seinen sinnlichen Qualitäten als ein so und so Konturiertes, so und so Gefärbtes und Getöntes, in dieser oder jener Weise Duftendes und Schmeckendes, gekennzeichnet auch durch diese oder jene Konsistenz. Selbst wenn wir nur "rein geistig und abstrakt" denken, hat auch dieses Vergegenwärtigte immer noch Bezug auf solches, was wir mittels unserer leiblichen Augen gelesen, zum Beispiel in unseren Lehrbüchern über Mathematik gefunden, in Vorlesungen über Soziologie mit unseren Ohren gehört haben. Wir "sehen" also auch alles Vergegenwärtigte "sinnlich-leiblich". Nur nehmen wir es nicht in seiner aktuellen physischen Präsenz wahr. Das "Sehen" ist hier nicht im Sinne eines Wahrnehmens, sondern eines Vergegenwärtigens von etwas gemeint.“
(Medard Boss)

Wohl bekannt sind uns allen Situationen, in denen wir „geistig abwesend“ sind, und doch dabei in lebhafteste Dialoge, Bilder, Gefühle verstrickt sind. Nur tragen sich diese an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit zu als dort, wo gerade der Körper weilt. Dann erstrecken wir uns als Leib über Entfernungen und Dimensionen, die den Körper, isoliert betrachtet, weit überschreiten.

Und ist nicht jeder Körper selbst schon geistig? Eben gerade weil Körper nicht nur Körper sondern Leib ist, kannst du zum Beispiel bei einer Gelegenheit Schmerzen empfinden und ein andermal, obwohl derselbe Reiz ausgeübt wurde, nichts spüren. Aber die Fähigkeit des Leibes geht noch weiter: Selbst eine Verletzung ist nicht Naturgesetz: So können Menschen beispielsweise über glühende Kohlen laufen, ohne Brandblasen zu bekommen. Auch eine Mutter, die einen Laster anhebt, um ihr darunter geratenes Kind zu befreien, durchbricht mit ihrem Leib alle Gesetze der Materie.
Körperstarre bei Meditationen, Lichtnahrung, Scheintod sind weitere Beispiele.

So gilt auch hier die Erkenntnis, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Der Körper ist nicht von Seele, Seele nicht von Geist und Geist nicht von Körper zu trennen. So kann man sagen: Leib sein heißt Individuum, das Unteilbare, sein. Ein Individuum ist unteilbare Einheit von Körper, Geist und Seele.

Eine ganz interessante Untersuchung der Herkunft der Wörter „Körper“ und „Leib“ findest du hier.

Und hier ein wie ich finde recht schöner Versuch, die ungewohnte Perspektive der Einheit des Leibes in Worte zu fassen:
„Der menschliche Körper ist Leib, d.h. Symbol der sich vollziehenden Freiheit, Symbol des sich verwirklichenden Geistes in der Materialität. Der Leib ist "Wesensmedium" (B. Welte), "Realsymbol" (K. Rahner), "Ursymboll" (J. Splett), in welchem das menschliche Wesen erscheint. In ihm verwirklicht sich die menschliche Person, in ihm wird sie sichtbar und wirkt sich aus in ihm - und zwar als Ganzheit. D.h.: Der menschliche Leib ist als Symbol nicht nur eine Hälfte, "die sichtbare Hälfte eines Ganzen, dessen andere Hälfte abwesend oder unsichtbar ist", wenngleich auch das Ganze eben diese Sichtbarkeit des Ganzen begründend übersteigt. Der Leib ist "inkarnierte Wirklichkeit der Seele selbst, ... ist wesentlich Leib der Seele, und die Seele ist ebenso wesentlich Seele dieses Leibes. Beide bilden eine wesenhafte Einheit".
(Aus: Der Mensch als Leiblichkeit)

Du bist die Dimensionen

Der Leib hat also die Dimensionen ... – nein, wenn wir so reden, trennen wir wieder ein fiktives „Ich“ und von einem fiktiven „Leib“: Da ist ein Ich, das hat einen Leib und dieser Leib hat irgendwelche Eigenschaften an sich.

Daher: Wir sind Leib und sind die Dimensionen:
Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart, hier und dort, du, es und ich, Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen der „5 Sinne“, Träume und Visionen, Atem, Fleisch, Knochen und Astral …

Aber wofür ist diese Erkenntnis nun wichtig?

Wenn du um diese Dimensionen weißt und dir ihrer bewusst bist, kannst du sie dir zunutze machen.

Ein paar Beispiele:

Gerade weil du Leib, und nicht Körper mit Geist und/oder mit Seele bist, ist es essentiell, dich ganz – mit Geist, Seele und Körper - auf die Leiberfahrung, die du machst, zu zentrieren. Jeder, der schon Yoga, Bioenergetik und andere Übungen gemacht hat, kennt vermutlich den Unterschied in der Wirkung, wenn er im Geiste wirklich bei der Übung, bei seinem Körper, bei den Empfindungen, idealerweise in jeder Faser seines Körpers war - oder wenn der Körper zwar die Übungen machte, aber der Geist bei einem ganz anderen Ereignis weilte. In solchen Momenten trennst du Geist und Körper, die eigentlich eine Einheit bilden und kannst sie, den Leib, daher nicht wirklich erreichen. Wenn wir uns das klar machen, wird deutlich, dass, immer wenn wir Geist, Seele und Körper trennen, wir ihnen schaden.

Eine andere Erfahrung, die du sehr leicht nachvollziehen kannst: Der Atem ist ein wesentlicher Schlüssel zu jeder Leiberfahrung. Grundsätzlich verstärkst du deren Wirkung mit einem tiefen, ruhig fließenden Atem. Dass der Körper nicht nur das physiologisch bestimmbare Ding ist, wird besonders deutlich, wenn du in Bereiche des Körpers hineinatmest, in die du physiologisch nicht atmen kannst. Stelle dich beispielsweise in die in Bioenergetische Grundhaltung: Lass deinen Atem langsam und gleichmäßig in Brust, Bauch, Becken, Beine, Füße, bis in die Erde und wieder zurück fließen. Damit erdest du dich und dehnst und lockerst alle Bereiche, in die du atmest. Empfinde dabei, wie dein ganzer Leib mit Atem gefüllt ist … nein … du bist Atem.

Andere bekannte Beispiele:

  • Wir vollbringen mit Autosuggestionen Leistungen, die uns vorher unmöglich erschienen.
  • z. B. Leistungssportler und Tänzer arbeiten mit Visualisierungen: Bewegungen werden nicht nur physisch eingeübt, sondern auch mental. Die Wirkung ist beeindruckend: Die Bewegungen sitzen bei der nächsten körperlichen Durchführung der Übung so gut, als hätte man sie schon die ganze Zeit körperlich eingeübt.
  • Wir klären unsere Wünsche, visualisieren und manifestieren sie.
  • Wir führen uns die Nahrung zu, die wir für das, was wir tun, brauchen.
  • Wir tun, was wir wollen und sind deshalb gesund, reich und glücklich – das blühende Leben Smiling

Schlusswort

Nun sollte eigentlich in einer Rubrik „Leiberfahrungen“ weniger Theorie als praktische Anleitungen zu finden sein. Unsere Erfahrung damit zeigen jedoch, dass es schwierig bis unmöglich ist, Leiberfahrungen über Texte zu vermitteln. Die besten Erfahrungen haben wir damit gemacht, wenn wir eine Übung (besser: Erfahrung) im Laufe eines Wochenendes oder in ein bis zwei Kurseinheiten pro Woche vermitteln.

Die aufmerksame Anleitung eines Übungsleiters und die konzentrierte Präsenz anderer Übender, die Gelegenheit für Fragen und Berichte erleichtern nicht nur den Zugang zur Leib-Erfahrung. In vielen Fällen bahnen sie ihn erst, denn Gewohnheiten und Verspannungen versuchen immer den Status Quo zu erhalten.

von Magdalena


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