Heilige Bücher - Philosophia Perennis
Die Heiligen Bücher der Thelema Society sind: das "Liber L vel Legis", das "Thomas-Evangelium" und "Also sprach Zarathustra". Was verstehen wir unter einem Heiligen Buch?
Die Heiligen Bücher sind Texte, die wir als zeitlose Wahrheiten betrachten. Es sind Texte, die wir zur "Philosophia Perennis" zählen, der "immerwährenden Weisheit". Diese macht überzeitliche Aussagen über die Kunst, glücklich zu leben. Auch jede Religion enthält einen Aspekt der Philosophia Perennis. Wie es im Neophytenritual des Golden Dawn hieß:
"Jede Religion enthält einen Strahl des Unaussprechlichen Lichtes, welches du suchst."
Wir leben in einer Zeit, in der sich die Weltreligionen in einer nie zuvor gekannten Weise begegnen. Es ist das sogenannte Informationszeitalter. Was heißt das? Entfernungen spielen fast keine Rolle mehr und über die Vielfalt der Medien haben viele Menschen Zugang zu einer Fülle von Daten. Diese Datenflut garantiert natürlich nicht, dass die darin enthaltenen Informationen auch wirklich verstanden werden. Auch bringt die "kleiner" gewordene Welt nicht automatisch die Fähigkeit zu Verständigung und gegenseitiger Toleranz mit sich. Dennoch ist bei vielen Menschen die Hemmschwelle und das Gefühl der Fremdheit anderen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen gegenüber gesunken. Immer mehr geht die "Begegnung" auch über das reine "Voneinander-Wissen" hinaus. Viele Westeuropäer versuchen mittlerweile den Buddhismus, Sufismus, Tantra, Schamanismus oder andere Religionen und Weltanschauungen ernsthaft zu praktizieren.
Dies ist ein sehr wichtiger Vorgang. Denn obwohl jede Religion sich in einer für sie typischen kulturellen Umgebung entwickelt hat, ist es auch ein Charakteristikum einer Religion, dass sie nach einer "ewigen Weisheit" sucht. Diesen "Strahl des unausprechlichen Lichtes", die "Philosophia Perennis" zu entdecken, die allen Religionen trotz ihrer Unterschiedlichkeit zugrunde liegt, ist heute aufgrund der "Globalisierung" auch im spirituellen Bereich leichter als früher.
Die Idee der Philosophia Perennis ist nicht neu. Sie entstand in der sogenannten Achsenzeit, etwa 800 bis 200 vor Christus. Zu dieser Zeit ereignete sich weltweit eine Universalisierung der Volksreligionen: Nicht mehr das Kollektiv, sondern der einzelne wird Subjekt der Religion. Im Gegensatz zur Volksreligion, deren Gottheiten national und territorial begrenzt sind, trägt die Universalreligion in sich selbst die Tendenz der Ausbreitung. Denn: Universalreligionen gehen von einer "Universalisierbarkeit" ihrer Ansprüche und Anschauungen aus.
Antropologisch gesehen, kann man sagen, daß Volksreligionen der Existenzweise der Frühzeit entsprachen: die der unreflektierten Einheit. Die Einheit mit der Familie, dem Stamm, dem Volk, den eigenen Göttern. Die Normen sind ganz klar, traditionell begründet und keinesfalls hinterfragbar. Sie erheben nicht den Anspruch auf Universalisierbarkeit, sollen es auch gar nicht, sondern gelten exklusiv für das erwählte Volk, um es zu erhalten.
In der Achsenzeit "läßt sich in der Menschheitsentwicklung ganz deutlich das Auftauchen des individuellen Selbstbewußtseins und damit zugleich die wachsende Distanzierung zu der immer mehr zum Objekt werdenden Welt erkennen. Diese Befreiung und Selbständigwerdung des einzelnen bedeutet aber negativ zugleich eine Bedrohung des Menschen in der Tiefe seiner Existenz durch Isolierung von den metaphysischen Urmächten, die den einzelnen innerhalb des vitalen Kollektivismus trugen und erfüllten. Universalreligionen versuchen eine Rückverbindung auf die eine oder andere Art mit den Heiligen herzustellen. Sie sind eine Antwort auf eine nicht etwa neu erkannte, sondern neu entstandene Not des zum Selbstbewußtsein erwachten Menschen der Spätzeit."
(G. Mensching, "Die Religion")
In der Achsenzeit begann also die Entwicklung, die sich später mit der Etablierung des Christentums und des Islams fortsetzte. Die vielen verschiedenen Götter der einzelnen Stämme und Völker sollten von einem einzigen Gott abgelöst werden. Das Konzept eines Gottes für alle setzt aber voraus, dass dieser Gott allgemeiner wird, dass er unpersönlicher wird. Und vor allem, dass die Botschaft, die er für die Menschen hat, verallgemeinerbar ist - unabhängig von den Eigenheiten der einzelnen Kulturen. Die Philosophen und Religionsgründer begannen also zu dieser Zeit, nach der einen Weisheit - der Philosophia Perennis zu suchen.
Welche Kriterien muss eine solche "ewige Weisheit" erfüllen? Das Typische dieser Weisheit ist, dass sie verallgemeinerbar ist. Das heißt, sie ist eben nicht abhängig von kulturellen Sitten und individueller Entwicklung, sondern auf alles Leben übertragbar, für alles Leben gültig.
Ein Kennzeichen ihrer selbst bewussten Lebewesen ist die Suche nach dem Sinn des Lebens und die Fähigkeit, sich selbst Sinn zu geben. Dem zugrunde liegt die Vorstellung, dass es Kräfte oder Wesen gibt, die irgendwann alle Fäden wieder zusammenlaufen lassen. Die sozusagen das Ganze in bezug auf ein Ziel "im Auge behalten".
Zur Frage nach dem Sinn des Lebens gehören auch immer die Aspekte der Liebe und des Glücks. Weder Liebe noch Glück sind möglich ohne Sinn. Gleichzeitig kann für ein denkendes und fühlendes Wesen Sinn nur etwas geben, das zumindest langfristig auch Liebe und Glück schafft. Warum?
Sinn gibt für uns das, was anschlussfähig ist. Das, was neue Möglichkeiten erschafft, anstatt zu verschließen: das, was Leben möglich macht auch in Zukunft. Leben kann nur über Liebe, gewollte Vereinigung, sei es im biologischen, sei es im geistigen Sinne aufrecht erhalten werden. Lieben heißt, wir stemmen uns gegen die Tendenz, wonach alles im Universum auf Chaos, Zerfall, Stillstand (Entropie) zuläuft.
Im alten Ägypten ging man davon aus, dass nur durch die willentliche Aufrechterhaltung der Ordnung (z.B. durch den Ritus), das kosmische Chaos und mit ihm das Chaos im Menschen gebändigt werden konnte. Biologisch wartet auf jedes Lebewesen am Ende der Tod, aber wer sich fit hält, kann ihn möglicherweise hinauszögern. Auf der spirituellen Ebene können wir den Tod überwinden, in dem wir unserer Seele genug Kraft und Struktur geben, um außerhalb eines biologischen Körpers leben zu können. Aus dem zwischenmenschlichen Bereich kennt jeder das Phänomen: Beziehungen müssen gepflegt werden, wir müssen ihnen aktiv Energie zuführen, ansonsten verkümmern sie. Das heißt, die Vereinigung, die Einheit gibt es nur durch die Willensakte der Vereinigung und diese muss immer wieder neu gewollt und getan werden.
Das Liber L vel Legis geht explizit von dieser für alle gültigen Weisheit aus: dem Gesetz, das für alle ist: "Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen".
Die Philosohia Perennis - und die Religionen - haben die Aufgabe, den Menschen Sinn zu vermitteln. Dem Menschen Orientierung zu geben, damit er erkennen kann, damit er sich entwickeln kann, damit er lieben kann. Die heiligen Bücher der einzelnen Religionen widmen sich dieser Aufgabe. Und so haben die heiligen Bücher egal welcher Religion oder Zeit auch immer einen mehr oder weniger großen Anteil an der Philosophia Perennis. Das Liber L vel Legis drückt es so aus: I.56 (...) Alle Worte sind heilig und alle Propheten wahr, außer, dass sie nur ein wenig verstehen (...)
Natürlich, die heiligen Bücher vergangener Äonen sind für die Menschen ihrer Zeit bestimmt gewesen. Sie sollten den Menschen da abholen, wo er stand. Insofern wird für einen Menschen des neuen Äons das Liber L das primäre Initiationswerk bleiben. Aber das Studium und auch die Divination mit alten heiligen Büchern wird ihm helfen, den Kern der Philosophia Perennis und damit auch den Kern des Liber L immer besser zu verstehen.
Wenn du mehr über "Das Thomasevangelium" und "Also sprach Zarathutra" erfahren willst und darüber, weshalb wir diese beiden neben dem Liber L vel Legis als Heilige Bücher ausgewählt haben, lies die folgenden Artikel:
Das Thomasevangelium - überzeitlich gültiges Weisheitswerk
Der Zarathustra - Kommunikation mit den Göttern
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