Das Thomasevangelium - überzeitlich gültiges Weisheitswerk
Im Winter 1945/46 fanden Fellachen nahe dem mittelägyptischen Lehmdorf Nag Hammadi einen großen Tonkrug der, in den üblichen Ledersäckchen, 13 originale Papyrusbücher enthielt. Da die Fellachen nicht ahnen konnten, welchen sensationellen Fund sie gemacht hatten, gelangten die "Schätze aus der Wüste" erst 1952 in sachkundige Hände. Eine Hälfte in das koptische Museum nach Kairo, die andere Hälfte in das C.G.-Jung-Institut nach Zürich.
Nach der Konservierung und ersten Bearbeitungen stellte sich heraus, daß hier 53 Originalwerke des Altertums, nur fünf davon bisher bekannt, gefunden worden waren. Die Sensation dieses Fundes wurde noch gesteigert, als bekannt wurde, daß 42 der gefundenen Werke gnostischen Inhalts waren.
Halten wir einen Augenblick inne und vergegenwärtigen uns, was hier geschehen ist.
Die Gnosis war der größte und gefährlichste Feind der frühen Christenheit. Die christliche Kirche verfolgt die "gnostische Häresie" seit fast 2000 Jahren viel erbitterter als sie selbst einige Jahre von den römischen Kaisern verfolgt wurde. Als das Christentum im römischen Reich unter Konstantin zur Staatsreligion wurde, waren die Gnostiker fast ausgerottet. Ihre Schriften vernichtet, ihre Lehren nur noch in der polemisch verzerrten Form einiger Streit- und Schmähschriften der frühen Kirchenväter bekannt. Aber - im trockenen, konservierenden Klima der ägyptischen Wüste ruhte fast 2 Jahrtausende lang der Schatz der gnostischen Schriften, geschützt von Wüstensand und Einsamkeit, keinem christlichen Fanatiker zugänglich, um endlich wieder an das Licht der Öffentlichkeit zu gelangen und - wer weiß - vielleicht ein neues Licht in dieser Welt zu entzünden.
Das Thomasevangelium geht nach wissenschaftlicher Auffassung in die vierziger, vielleicht sogar in die dreißiger Jahre des ersten Jahrhunderts n. Chr. zurück. Die sogenannten kanonischen Evangelien (Matthäus, Lukas, Markus, Johannes) sind erheblich jüngeren Datums, teilweise erst im 2. Jahrhundert geschrieben worden. Das Thomasevangelium ist einzig der sogenannten Logienquelle vergleichbar, d.h. dem Evangelienstoff, den Matthäus und Lukas über Markus hinaus gemeinsam haben.
Das Thomasevangelium bestätigt zwar Teile der in den Evangelien überlieferten Jesusworte, überliefert jedoch darüberhinaus auch bisher unbekannte Jesusworte eindeutig gnostischen Inhalts.
Insgesamt betrachtet ergibt sich aus dem Thomasevangelium ein sehr anderes Jesusbild als aus den kanonischen Evangelien. Dieses Jesusbild ist historisch mindestens genauso wahrscheinlich wie die historisch am besten gesicherten Teile der kanonischen Evangelien.
Das Thomasevangelium ist für jeden Menschen ein interessantes und wichtiges Buch. Es ist ein Weisheitsbuch, welches uns einen, unter dem Aspekt der Selbstverwirklichung, informativen und aufrüttelnden Jesus vorstellt.
Dieser Jesus, der Jesus des Thomasevangeliums, ist - zusammen mit Buddha, Mohammed u. a. - der Prophet des Alten Äons. Das zeitbedingte Beiwerk der Jesusgeschichte, siehe Jungfrauengeburt, Kreuzigung, Himmelfahrt etc., spielt im Thomasevangelium keine Rolle.
Die Lehre des Propheten eines Äons ist immer überzeitlich, nur durch die besonderen Notwendigkeiten des entsprechenden Äons modifiziert. Dieser universelle Aspekt der Lehren Jesu ging zusammen mit der Gnosis unter. Der Mystagoge Jesus Christus wurde von Paulus und der frühen Kirche usurpiert und auf ihre Bedürfnisse zurechtgestutzt. Was blieb, war das Zerrbild eines gefolterten Gottessohnes, der nun als Rechtfertigung weltweiter Greueltaten, von Scheiterhaufen über Kreuzzüge bis zu Anbiederungen an die menschenverachtendsten Diktaturen, dienen konnte.
Im Jesus des Thomasevangeliums erscheint uns hingegen wieder der ursprüngliche Mystagoge Jesus, der nicht Glauben, sondern Erkenntnis - eben: Gnosis - fordert. Das Thomasevangelium ist ein überzeitlich gültiges Weisheitswerk.
von M. D. Eschner
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