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Was ist der Mensch?

"Wir erschaffen die Welt die wir leben."

Humberto Maturana

Der Mensch ist Schaffender und Schöpfer. Du machst dich und die Welt in der du lebst durch die Art wie du lebst. Alles was gesagt wird, wird von einem Menschen gesagt - und beschreibt aus welcher Perspektive dieser Mensch seine Welt lebt.

Du bist ein Mensch - deshalb hast du vermutlich eine Vorstellung davon was ein Mensch ist. Vielleicht hast du aber noch nie darüber nachgedacht und bist einfach Mensch. Es gibt sehr viele und sehr verschiedene Antworten auf die Frage, was ist der Mensch. Welche Antwort man immer wählt, durch jede Antwort werden Möglichkeiten eröffnet und Möglichkeiten verschlossen. Wir, die Menschen der Thelema Society, haben eine Antwort gewählt die viele Möglichkeiten eröffnet.

Betrachten wir den Menschen nicht aus dem flüchtigen Augenblick heraus, sondern aus der Perspektive der Jahrtausende menschlicher Geschichte und Kultur. In diesem Blickwinkel wird deutlich, daß der Mensch sich, die Gesellschaft und die materielle Umwelt immer wieder neu erfindet und immer wieder umbaut. Von den Pyramiden und dem Totenglauben der Alten Ägypter, über die Kathedralen und den einsamen Gott des christlichen Mittelalters, bis zu den Teilchenbeschleunigern und der Quantentheorie der Moderne: Die Menschheit hat sich immer wieder neu erfunden und die Welt immer wieder neu erschaffen.

Betrachten wir den Menschen nicht aus der Sicht unseres selbstverständlichen Erlebens, sondern aus der Perspektive der Wissenschaft: Die moderne Gehirnforschung zeigt, daß die große, bunte Welt in der wir leben nicht irgendwo da draußen, in unserer Umwelt, ist, sondern, daß unser Gehirn diese große, bunte Welt entwirft und erzeugt. Philosophen hatten das schon vor 2000 Jahren vermutet, aber heute kann man an dieser Erkenntnis nicht mehr vorbei. Menschen leben nicht in einer vorgegebenen Welt die erkennbar wäre, sondern sie machen die Welt die sie erleben buchstäblich selbst. Jeder Mensch erlebt die Welt auf seine Weise, die seine eigene Schöpfung ist.

Betrachten wir den Menschen nicht als ausgereiften Erwachsenen, sondern in seinem Heranwachsen. Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen ist die Lebensetappe in der wir alle schöpferisch waren, in der wir spielerisch und lernend Welten entworfen und wieder verworfen haben. Irgendwann landeten wir dann bei den durchschnittlichen Erkenntnisformen der Erwachsenen und vergaßen die Fähigkeiten unserer Kindheit. Warum sollten wir uns nicht wieder daran erinnern können?

Im den faktisch gegebenen Zuständen sind zugleich die Möglichkeiten all dessen mitgegeben was nicht faktisch gegeben ist, was hätte sein können und was möglicherweise eintreten kann. Natürlich kann Leben dennoch als Reduktion des Möglichen auf die Wiederholung des faktisch Gegebenen geführt werden, aber es kann genauso - und mit mehr Vergnügen - als radikale Umgestaltung des faktisch Gegebenen in Richtung des Möglichen gelebt werden: ein Leben als Schaffender und Schöpfer.

Diese Argumente mögen hier genügen um aufzuzeigen: Der Mensch ist wesentlich Schaffender und Schöpfer! Es soll nicht bestritten werden, daß der Mensch möglicherweise vom Affen abstammt (das ist eine Theorie, keine Wahrheit), daß der Mensch die Fähigkeit zur Vernunft hat, daß er kreativ ist, daß er nur durch Menschen zum Menschen wird und sozial konstituiert ist. Aber das sind nur Fragmente des Menschlichen die, wenn man alles zusammen betrachtet, den Menschen als schaffend und schöpferisch nur bestätigen.

In den letzten 2000 Jahren wurde der Mensch als Erkennender einer vorgegebenen und immer schon vorhandenen Welt verstanden. Aber, da der Mensch als Sünder gedacht wurde, verfehlte er gewöhnlich die Wahrheit. Der Mensch war passives Opfer der Verhältnisse. Er hatte sich einer kosmischen Ordnung einzufügen, die von Gott oder später der Wissenschaft garantiert wurde. Die wichtigsten menschlichen Eigenschaften waren Erleben (Wahrnehmung) und Rationalität, denn diese Eigenschaften sollten durch passive Schau die Wahrheit der Erkenntnis sichern. Der Mensch als Schaffender und Schöpfer ist ein anderer Mensch.

  • Er ist nicht mehr passives Opfer, sondern kreativer Gestalter.
  • Er wendet sich nicht nur an Gedanken und Theorien, sondern an das Leben und die Tat.
  • Statt auf Erleben und Rationalität setzt er auf Handlung und Wille.

So ist er nicht mehr von Gott oder Affen geschaffene Kreatur, sondern sich selbst erschaffender Schöpfer. Das Opfer zieht aus Täter zu werden.
Wir ziehen um: Aus den Palästen der Wahrheit, der Sicherheit, der Antworten und der Theorien des Wissens in die Zelte des Suchens, der Fragen, der Flexibilität und Kreativität und der Praxis des Nichtwissens.

Die Paläste der Wahrheit stehen starr auf ihren Hügeln. Ganze Heerscharen von Menschen sind damit beschäftigt sie zu säubern und zu reparieren, sie vor Moder und Zerfall zu bewahren - aber diese Paläste verfallen schneller als sie repariert werden können. Eine grandiose Skyline verfallender Ruinen.

Wir aber packen unsere Zelte des Morgens zusammen. Wir ziehen des Tages durch Berge, Städte und Wälder unbekannter Länder, sehen was noch nie ein Mensch sah, erleben was noch nie ein Mensch erlebte, erschaffen was noch nie war. Des Abends bauen wir unsere Zelte auf, einsam oder gemeinsam, und am knisternden Feuer des Nachts genießen wir unsere Träume.

Natürlich besuchen wir die Paläste der Wahrheit, wenn sie an unserem Wege liegen, aber dann - ziehen wir weiter .... mit Minicomputer am Arm und immer im Netz Smiling
Soweit die Bilder, nun zur Beschreibung.

Der Mensch als Schaffender und Schöpfer meint nicht, daß jeder Mensch sich krampfhaft dazu aufraffen soll fürchterlich kreativ und schöperisch zu sein. Es geht grundlegend darum, daß jeder Mensch immer schon Schaffender und Schöpfer ist, daß er anders gar kein Mensch wäre. Es geht nicht darum einen anderen Menschen aus sich zu machen, sondern einfach: sich zu erinnern. Es geht darum sich zu erinnern was man als Mensch immer schon wesentlich ist: Schaffender und Schöpfer!

Um präziser auszudrücken was "der Mensch als Schaffender und Schöpfer" bedeutet greifen wir auf den Begriff "Konstruktion" zurück. Konstruieren bedeutet:

  1. Schritt: Eine Idee haben, eine Vision entwickeln, ein Bild eines künftigen Zustandes entwerfen, kreativ sein, der Mensch als Künstler.
  2. Schritt: Die Realisierung der Idee planen, die Wege zum Ziel beschreiben, rationale Vorhersagen machen, der Mensch als Wissenschaftler.
  3. Schritt: Den Plan ausführen, handeln, der Mensch als Handwerker.

Jeder Mensch hat seine persönlichen Vorlieben, der eine ist mehr Künstler, der andere mehr Wissenschaftler und der dritte mehr Handwerker - aber das sind nur Vorlieben: Jeder Mensch ist Künstler und Wissenschaftler und Handwerker, also schaffender Schöpfer.
Konstruktion darf man sich aber nicht so denken, als konstruierte der Mensch privat in seinem wie immer auch hellen Köpfchen und daraus entstünden reale Welten.

Konstruktion ist immer ein gemeinsamer, ein sozialer Prozeß, ein Miteinander. Was wir Realität nennen ist die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit - an welcher der einzelne Mensch ursächlich beteiligt ist und die ohne das freie, kreative Individuum nicht funktionieren kann.
Der Mensch wird damit vom Sklaven der Schöpfung zum Schöpfer der Schöpfung - und das hat Folgen!

1. Fragen wir nach der Motivation menschlichen Handelns. Können wir wirklich die großartigen kulturellen Leistungen der Menschheit über Jahrtausende hinweg mit Vorstellungen wie Sünder, Sexualtrieb, Begierden, Unbewußtes und Bedürfnisspannungen erklären? Ist es nicht viel plausibler, daß der Mensch sich, jeder auf seine persönliche Weise, eher wie ein Künstler, ein Wissenschaftler oder ein Baumeister verhält, der seine Umwelt nicht nur erkennt, sondern gestaltet, umbaut und erschafft? Schau dich in deiner Wohnung um. Schau deine Kleidung an, deine Frisur. Was siehst du? Jeder Mensch gestaltet schon im kleinsten Rahmen seines persönlichen Umfeldes auf seine persönliche Weise. Daraus kann man folgern, daß die grundlegende Motivation des Menschen sein Schaffensdrang ist, seine Kreativität.
Durch Schaffensdrang und Kreativität werden nicht nur die Zustände verändert, sondern der Mensch verändert sich selbst. Daraus folgt:

2. Der Mensch ist kein Ding, sondern ein Prozeß. Die Dingvorstellung kommt aus der Physik und wenn der Mensch ein Ding ist, dann braucht man Energie um ihn in Bewegung zu setzen. Das führt zu den sogenannten "Dampfkessel-Psychologien", d.h. man muß Triebe, Bedürfnisse oder Stimuli annehmen um erklären zu können warum Menschen etwas tun. Wenn der Mensch aber ein Prozeß ist, dann ist er, wie jeder Prozeß, immer in Bewegung, immer in Veränderung begriffen - und wir können alle "Dampfkessel" in den Müll befördern - der Mensch ist einfach, weil er Mensch ist, dynamisch, schöpferisch und kreativ.
Ein anderer Aspekt der Verdinglichung - des zum Ding machens - des Menschen besteht darin ihn als Ware zu kategorisieren als Arbeitskraft zu kaufen. Man kann sich auch selbst Verdinglichen, z.B. wenn man nur noch für Karriere, Kleinfamilie und soziale Anerkennung lebt und dann nur noch funktioniert, sich aber von seiner schöpferischen Kraft abschneidet. Der Mensch ist immer tätig, was er tut bestimmt er selbst - durch seine Konstruktionen. Diese Konstruktionen umfassen die ganze Welt und es gibt die verschiedensten Konstruktionssysteme:

3. Wissenschaft, Religion und Magie sind verschiedene Arten die Welt zu konstruieren, alternative Konstruktionssysteme oder Modelle der Welt. Weder ist das eine Modell wahr und die anderen falsch, noch befaßt sich das eine Modell mit der wirklichen Welt und die anderen mit Scheinwelten. Verschiedene Menschen bevorzugen verschiedene Konstruktionen, d.h. verschiedene Welten. Das ist alles! Der schaffende und schöpferische Mensch respektiert die verschiedensten Entwicklungs- und Gestaltungsformen der Menschen, er kennt den Wert unterschiedlicher Lebensalter, Kulturen und Menschheitsepochen - denn er sieht in all diesem Bereicherungen seines eigenen Lebens.
Aber es gibt auch negative Seiten:

4. Die Welt der Hungersnöte und der Kriege ist die von uns selbst gemachte Welt. Wir haben diese Welt gemacht und wir sind für diese Welt verantwortlich. Wir können unsere Verantwortung nicht mehr auf dem Kleiderständer der Wahrheit abgeben und uns auf objektive Fakten und Sachzwänge berufen - wir selbst sind die Schöpfer.
Wir sind die Schöpfer der Gegenwart, aber jede Gegenwart entsteht aus ihrer Vergangeheit:

5. Unsere Vergangenheit machen wir selbst, das kann jeder von der Gedächtnisforschung erfahren, und d.h. wir selbst sind für unsere Vergangenheit verantwortlich - niemand anders, geschweige denn die Wirklichkeit. Gedächtnis bildet die Vergangenheit nicht ab, sondern rekonstruiert die Vergangenheit so, daß sie zu unserem gegenwärtigen Lebensumfeld und zu unseren gegenwärtigen Überzeugungen paßt. Die in vielen Psychotherapien immer noch favorisierte Erforschung der Vergangenheit, bevorzugt der Kindheit, ist nichts anderes, als die Konstruktion einer Vergangenheit die die Gegenwart erklärt - und damit zementiert. Glaubst du an die Evolution oder an die Schöpfungsgeschichte? Wie immer du dich entscheidest, es ist deine Entscheidung und damit deine Vergangenheit. Mach dir deine Vergangenheit selbst, du tust es sowieso.
Ein wesentlicher Teil der Vergangenheit sind unsere Beziehungsgeschichten:

6. Unsere Beziehungen zu anderen Menschen machen wir selbst, ganz besonders in der Familie oder in Beziehungen. Der andere Mensch, so wie er "ist", ist der von uns konstruierte Andere, nicht dieser selbst. Wenn Beziehungen glücklich sind, wenn wir verliebt sind und wenn Beziehungen kaputt gehen, es liegt an uns, nur an uns selbst, denn wir konstruieren den anderen Menschen als liebevoll, charmant, streitsüchtig oder uneinsichtig. Die interessante Frage ist nicht: wie ist der Andere? Sondern: Wie konstruiere ich den Anderen und wie konstruiert der Andere mich? Aus diesen wechselseitigen Konstruktionen ergibt sich eine Konstruktionsgeschichte die genausowohl zu Glück wie - wenn nicht bewußt gestaltet - zu Schädeleinschlagen führen kann.
Wenn es nicht mehr weitergeht, wenden wir uns an Spezialisten, konsultieren Autoritäten für unser Problem:

7. Autoritäten, vom Papst über Lehrer bis zu Wissenschaftlern, sind Menschen die wir selbst als Autoritäten konstruiert haben. Das muß nicht falsch sein, es geht nur darum zu sehen: Es sind unsere selbstgemachten Autoritäten, keine Menschen die irgendeinen privilegierten Zugang zur Wahrheit haben.
Psychologische Autoritäten erzählen uns dann möglicherweise, daß wir irgendein psychologisches Defizit hätten:

8. Psychologische Modelle die Menschen in Gesunde und Gestörte oder Kranke (neurotisch, schizophren, paranoid, etc.) sortieren sind sehr problematisch. Menschen konstruieren ihre Welt verschieden und jeder auf seine Art, aber es gibt kein einzig richtiges oder wahres Modell. Manche Konstrukte fassen Erfahrungen zu eng oder zu weit. Dadurch werden Orientierung und Sinngebung manchmal schwierig. Daraus können Probleme mit anderen Menschen oder mit der eigenen Lebensführung resultieren. Wenn man diese problematischen Konstrukte erkennt kann man neu konstruieren - deshalb lernen wir unsere Konstrukte zu erkennen sowie neue Konstrukte zu entwerfen und zu realisieren. Wer seine Konstrukte kennt, ist danach nicht nur über sich informiert, sondern auch ein anderer.
Für viele Menschen sind psychologische Modelle wichtig, weil sie denken, daß sie damit andere Menschen manipulieren und kontrollieren könnten:

9. Es geht nicht darum endlich alles unter Kontrolle zu haben, endlich alles verfügbar zu machen - das wäre Illusion. Unsere Konstruktionen enden an den Konstruktionen der Anderen. Worum es geht ist eine wachgehaltene Neugier auf die Welt, auf die Anderen und auf die Veränderlichkeit aller eigenen und fremden Verhältnisse. Dazu kommt ein immer offener Respekt gegenüber allen, die ihr Glück auf ihre Weise versuchen. Das wichtigste jedoch ist die Eröffnung neuer Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, neuer Möglichkeiten des Schaffens und Schöpfens, neuer Möglichkeiten des Lebens.
Die Bedingung der Möglichkeit dieses Weges ist nicht Allmacht, sondern Freiheit. Freiheit kann nur von uns selbst erschaffen (Schaffen!) werden, denn Freiheit bedeutet: bewußtes konstruieren von Alternativen in bereits festgelegten Verhältnissen, um in Form der Alternative Entscheidungen zu ermöglichen, die zuvor nicht möglich waren.
Das sind nur einige der Folgen und Möglichkeiten, wenn wir uns nicht mehr als passiv erkennende Opfer, sondern als Schaffende und Schöpfer begreifen.
Die Menschen der Thelema Society experimentieren - auf dem Hintergrund von über 20 Jahren Erfahrung - gemeinsam mit dieser schöpferischen neuen Lebensform. Wir dekonstruieren starre, langweilige und tote Muster und wir konstruieren und verwirklichen alternative Möglichkeiten und neue Wirklichkeiten: Kreativität, Flexibilität, Lebensfreude, Vielfalt, sei es in Liebe, Kunst oder Wissenschaft: It's a kind of Magick!

Wir erschaffen uns frei, wir sind Schaffende und Schöpfer!

 

(Michael D. Eschner)

 

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