Die Kunstfertigkeit (k)eine Entscheidung zu treffen
Die Kunst der Entscheidung, wußten schon die alten Babylonier, ist die höchste der göttlichen Fähigkeiten. Was, so können wir fragen, soll am Entscheiden eine besondere Kunst, eine höchste gar sein? Wir entscheiden doch ständig, ja man könnte sogar sagen - bei allem was wir tun und lassen - haben wir uns immer schon eben für dieses Tun oder Lassen entschieden. Doch wer hat es nicht schon erfahren: In all den kleinen und größeren alltäglichen Situationen, in denen wir uns vor die Frage gestellt sehen, ganz und gar (mit Herz und Vernunft) zu dem zu stehen, was wir tun (oder lassen), geraten wir in Bedrängnis. So könnte denn doch etwas dran sein an der alten babylonischen Weisheit, die Kunst der Entscheidung als die höchste der, wie sie sagten: Göttlichen "ME" wertzuschätzen.
Zur ein Einstimmung in die Kunstfertigkeit, keine Entscheidung treffen zu müssen eine besonders "all-tägliche" und vermutlich allen Thelemiten zur Genüge vertraute Entscheidungssituation: Mann will mit Frau vögeln und zwar so, daß Frau nicht nur ja sagt, sondern auch inbrünstig meint. Oder anders: Mann will, daß Frau mit ihm vögeln will. Was wird Frau tun?
Einfach gestrickt, könnte man sagen, sie wird letztlich entweder mit ihm vögeln oder nicht. Aber, wer hat es nicht (ob Männchen oder Weibchen) schon erfahren - zwischen brüsker Ablehnung (sie kreischt nach der Polizei) und begeisterter Zustimmung (sie stürzt sich auf ihn) liegen die Welten des Machtkampfes, die sich alltäglich zwischen Mann und Frau abspielen. Frau kann sich z.B. mehr oder weniger freundlich entziehen, indem sie Mann Hoffnung auf später macht. Sie kann auch "einwilligen", nicht ohne ihm zu bedeuten, daß sie ihm damit ein Opfer bringt oder Mann auf andere Weise nahelegen, daß sie eine Gegenleistung zu erwarten berechtigt ist.
Irgendeine "Entscheidung" wird sie nun unausweichlich treffen - aber, wie Psychologen wissen: "sich wirklich zu entscheiden, ist ... nicht so einfach." (F.A.Z., 04.06.2005, Nr. 127 / Seite 57) Ihre Beobachtungen, was Menschen tun, wenn sie sich nicht "so einfach" wirklich entscheiden können, haben sie in vier Typen (von Menschen) unterteilt. (ebd.)
- Typ I bleibt zögerlich - zaudernd und läßt also faktisch andere entscheiden.
- Typ II hofft fortwährend auf eine noch bessere Option.
- Typ III entscheidet sehr schnell - ohne sich zu fragen, ob er das was er entscheidet, sinnvoll ist.
- Typ IV beruft sich auf Sachzwänge, entscheidet also so, wie er glaubt, zu entscheiden gezwungen zu sein.
Als ich diese Typisierung las, fragte ich mich, ob sich mit den Kommunikationsmedien von Luhmann diese vier "Typen" klarer unterscheiden lassen. Freilich läge dann der Schwerpunkt nicht auf "Typen" von defizientem individuellen Entscheidungsverhalten, das sich situationsunabhängig sozusagen für einen Menschen als das typische erweist. Eine solche (individuelle) Typisierung würde zwar Entscheidungssituationen aller Art zu fassen versuchen - aber um den Preis, von deutlich verschiedenen Kräfte- (oder Macht-) konstellationen, in denen sich Menschen dabei befinden, zu abstrahieren.
Ein Mensch mag z.B. in vertrauter Umgebung sehr bestimmt, vielleicht sogar komplex zu entscheiden vermögen, in unvertrautem Gelände dagegen zögerlich und abwartend sich verhalten.
Mit Luhmann wäre die Aufmerksamkeit statt dessen auf soziale Muster gelenkt, in denen Menschen sich immer dann befinden, wenn sie eine Entscheidung zu treffen haben, die auch andere Menschen "in Mitleidenschaft" zieht. Diese "Sonderfälle" indes sind ja erst strukturell vollständige und insofern die eigentlichen Entscheidungssituationen, da sie den in der Entscheidung stehenden (Ich), die als sachlich gedeutete Umwelt (Sachlage) und den oder die anderen beteiligten Menschen (Du) einbeziehen.
Wer also glaubt, in einer Entscheidungssituation zu sein, in der er nur ihn allein betrifft oder in der es nur um die Handhabung von Gegenständen ginge, blendet aus, daß er sich mindestens indirekt immer auf andere Menschen bezieht.
Luhmann kommt zu seiner Unterscheidung der Kommunikationsmedien, indem er Handeln (befehlen) oder Erleben (gehorchen) mit Ich oder Du kreuztabelliert und benennt die vier möglichen Konstellationen: Wahrheit, Eigentum, Herrschaft, Liebe.
- Ich gehorche und Du gehorchst: Wahrheit.
- Ich befehle und Du gehorchst: Eigentum.
- Ich befehle und Du befiehlst: Herrschaft.
- Ich gehorche und Du befiehlst: Liebe.
Anwendbar auf Entscheidungsschwierigkeiten scheinen mir die Luhmann´schen Kommunikationsmedien vor allem deshalb, weil sie die auf eine schwarz-weiß reduzierte Machtstruktur von Entscheidungssituationen verdeutlichen. Denn diese vier möglichen Konstellationen zeigen, wie Menschen die existentielle Ungewißheit jeder echten (ihn als ganzen Menschen betreffenden) Entscheidung wenn irgendmöglich zu vermeiden gelernt haben.
Eine komplexe Entscheidungssituation zu bewältigen verlangt, meine in sich differenzierten Interessen, die inhaltliche Sachlage und "deine" ebenfalls in sich differenzierte Interessen sorgfältig zu erwägen, bis ich eine Möglichkeit gefunden habe, all dies zu integrieren. Eine existentielle Entscheidungssituation verlangt, darüber hinaus, die Spannung einander ausschließender Interessen auszuhalten - bis ich in diesem Ringen eine gänzlich neue Möglichkeit zu handeln für mich erschaffen habe. Und dann: Diesen Sprung zu wagen - wofür es ein gehöriges Maß an Aggressivität (nämlich zum Mut der Selbstüberwindung) braucht.
Die vier von Luhmann beschriebenen Kommunikationsmedien nun reduzieren die Komplexität von Entscheidungssituationen erheblich, was nichts anderes heißt als: Sie wird von Beteiligten auf weitgehend vereinfachte Weise interpretiert. In überschaubaren Situationen erweist sich solche vereinfachte Interpretation zwar als praktisch ausreichend und damit nützlich, in komplexen und insbesondere in existentiellen Entscheidungssituationen indes als unangemessen zu kurz und damit mißlich:
Wird die Sachlage als objektiv gegeben, sozusagen als zwingend, verstanden, bleibt nur die Alternative: Entweder ich gehorche Dir (Liebe) oder Du gehorchst mir (Eigentum). Dies könnte in etwa den beiden Typen (III und IV) entsprechen, die schnell und bestimmt entscheiden. Klar, eine echte (oder wie es in dem Artikel heißt: "gute") Entscheidung wird kaum möglich sein, wenn nur die Machtkonstellation zwischen Ich und Du ausschlaggebend ist - da die Sachlage insofern nicht bedacht als sie für unabänderlich gegeben gehalten wird.
Einleuchtend dürfte damit auch werden, warum Menschen um Längen verzweifelter darauf reagieren, nicht (oder nicht mehr) geliebt zu werden denn darauf, selbst nicht besonders liebesfähig zu sein. Der höchste Wert, las ich kürzlich, den Deutsche als für sich maßgeblich angeben, ist denn auch nicht mehr (wie, laut Selbstbild, noch in den 60er Jahren) die "große Liebe", sondern "materielle Sicherheit" - eigentlich: nur ehrlich.
Die Kommunikationstechniken "Liebe" und "Eigentum" wären demnach die beiden Methoden, mit denen sich Entscheidungssituationen kurz und "schmerzlos" abkürzen lassen, was natürlich voraussetzt, daß Ich und Du überzeugt sind (oder überzeugt worden sind), die Sachlage als gegeben hinzunehmen.
So ist es nicht verwunderlich, daß Entscheidungssituationen, in denen die Sachlage als veränderbar, manipulierbar gedeutet wird, komplexer und insofern schwieriger bzw anspruchsvoller sind. Herrschaft bzw. Wahrheit nennt Luhmann diese beiden Konstellationen.
Im ersteren Fall kommt eine Entscheidung nicht zustande, da sowohl Ich als auch Du befehlen (wollen), aber niemand da ist, der gehorcht: der offen ausgebrochene Bürgerkrieg. Möglicherweise setzen beide Seiten darauf, die unbestimmte Sachlage so weit manipulieren zu können, bis sie sich als für den anderen zwingend erweist. Läuft ein solcher Bürgerkrieg intern ab, dürfte es nicht verwundern, wenn der so mit sich uneinige zu keiner Entscheidung fähig ist, sondern mal dies mal das Gegenteil mit Vehemenz vertritt.
Im zweiten Fall kommt eine Entscheidung nicht zustande, da sowohl Ich als auch Du fest daran glauben, daß eine höhere Instanz (Wahrheit) an ihrer Stelle entscheiden wird. Da beide nun ihrer Wahrheit gehorchen oder gar für DIE Wahrheit halten, auf die jeder irgendwann ja gehorchen wird, können sie ihren Streit im Unentschieden halten, bis sie alt und grau geworden sind. Und spielt sich ein solches widerstreitiges Hoffen auf eine dereinstig erleuchtende Wahrheit intern ab, wird man zu einem ewig grübelnden Zweifler.
Wie, das alles im Blick, entscheidet nun Frau?
Versuchen wir, die Luhmann´sche Kreuztabelle auf die Frage, vor der Frau nun steht, anzuwenden - Vögeln oder Nichtvögeln. Frau (in der Position von ich) hätte dann genau vier verschiedene Möglichkeiten, zu entscheiden, wie sie auf die Bitte von Mann eingeht:
Wahrheit: Deutet sie die Situation als Wahrheitsfrage, wird sie sich weigern, selbst eine Entscheidung zu treffen, sondern bemüht sein, irgendeine Wahrheitsinstanz anzurufen, die ihr die Entscheidung abnimmt. Die könnten für sie z.B. ihre Eltern, ein Orakel oder (im besten Fall?) eine Vollversammlung aller möglicherweise Betroffenen und Beteiligten sein. Natürlich, wenn Vögeln oder Nicht-vögeln für sie eine Wahrheitsfrage ist, wird sie auch von Mann verlangen, daß er sich diesem Urteil unterwirft und gehorcht.
Eigentum: Schätzt sie die Lage so ein, daß ihm nichts übrigbleiben wird, als ihre Entscheidung zu akzeptieren (da sie ihn von sich materiell oder allgemeiner mit seinen Bedürfnissen abhängig "weiß" - die komfortabelste Position (Eigentum) - wird sie schalten und walten, wie es in ihre Berechnungen paßt. Sie wird Ja oder Nein sagen - je nachdem wie sie gerade kalkuliert. Sie könnte zustimmen, weil ihr gerade nach Vögeln ist oder ablehnen, weil sie gerade anderes zu tun hat oder auch Bedingungen stellen ala "Erst Du abwaschen, dann wir vögeln."
Herrschaft: Versteht Frau ihre Position (dem) Mann gegenüber so, daß sie nicht einfach nach Gutdünken schalten und walten kann wie es ihr in den Kram paßt, aber es doch versuchen kann, wird sie mehr oder vorsichtig taktieren. Denn sie "weiß", daß er desgleichen tut, was ihre Vorsicht noch steigert. Sowohl Ja wie Nein könnte taktisch (oder auch langfristig) unklug sein. Was also besten tun, um den (noch) offenen Machtkampf zu ihren Gunsten zu wenden? Vielleicht das berühmte "Vertrösten" auf (irgendwann) später?
Liebe: Nur wenn Frau "liebend" auf seine Bitte eingeht, wird sie ohne Zaudern oder Vorverhandlungen tun, was er sich wünscht - also mit ihm und das seinen Wünschen gemäß vögeln. Es kann durchaus sein, daß sie fürchterlich gern mit ihm vögelt, aber danach zu entscheiden, steht nicht in ihrer Macht. Wichtig ist, daß sie (idealtypisch für Liebe: ganz genau das) tut was er sich wünscht und von ihr erwarten darf. Kein Wunder, daß Mann sich sehnlichst wünscht, daß Frau nichts übrig bleibt, als ihn zu lieben. Was sollte er sich, wenn er als Alternativen nur die drei anderen möglichen Machtkonstellationen (z.B. aus Erfahrung) kennt, sonst wünschen?
von Angela
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