Mehr Bewegung!
Das Rad
Es war einmal - wieder einmal Zeit für den großen Wechsel. Wie immer pünktlich zur Stelle das übliche Endzeitszenario der Marke "alte Großmacht stolpert in den Dreck". Diesmal etwas langsamer als die Sowiet Union das frische Opfer: Die guten alten U.S.A. durch eine dämlich texanische Hegemonial- und Klüngelpolitik langfristig ins Machtnirwana katapultiert und mittlerweile ohne jede Chance, die eigenen Finanzprobleme in den Griff zu bekommen. Schon kursieren wissenschaftlich kompetente Abgesänge, bereitet sich Europa auf seine neue Spitzenposition vor.
War da noch was? Ach ja! Wunderschön zu bestaunen der Niedergang der herrschenden Staatsreligion der westlichen Hemisphäre. Fast 2000 Jahre eiserne Lebensberatung durch Mutter Kirche gehen da doch tatsächlich den Weg des irdisch Vergänglichen. Pastoren aller Coleur müssen im Sinne der Wirtschaftlichkeit um ihre Stellen fürchten, werden mangels Effizenz wegrationalisiert. Im Falle unseres Dorfpastors nicht ohne seinen massiven Arbeitnehmerprotest und unfreiwillig genialen Parolen: "Pastor geht, Thelema bleibt!". Tja.
Thelema
Thelema im neuen Äon ... Was soll das eigentlich mal werden wenn es groß ist? Eine wahnsinnig moderne Superreligion für die Massen? Mit richtig viel esoterischen Freiheiten drin ... und Licht und Liebe ... und einem echt coolen Tier, viel unanständiger und sympathischer als der Papst? Gut organisiert, fettes Marketing, gute Connections zu Politik und Wirtschaft, und in 10 Jahren in der Liga von Scientology und den Zeugen Jehovas mitspielen?
Ein schrecklicher Gedanke, wie ich finde. Eine alleinseligmachende thelemische Kirche die mir sagt was ich tun will, will ich nicht. Was wäre die Alternative? Thelema, der Nischen - Kult für Einzelkämpfer, jeder für sich, eine kleine Bastion in einer maroden Zivilisation, die sich nicht daran gewöhnen kann, daß ihre Werte leergelaufen sind?
Immerhin: Kein Kollektivmatsch, sondern Individuen. Aber was können einzelne schon groß ausrichten? Klar, man kann sich auf sich selber konzentrieren, sich abgrenzen, und mehr oder weniger zynisch zusehen wie alles den Bach runtergeht. Oder man kann sich so nen kleinen "Ich bin erleuchtet, Ätsch!" Sticker anheften und seine Nachbarn damit ärgern oder schauen ob dieser "Auch"-Thelemit da im Forum tatsächlich was auf dem Kasten hat, selbstverständlich ganz sportlich, "Schlage hart und tief".
Nein, ich glaube nicht an kollektive Massenkulte und nicht an dieses ewige "ich bin ganz anders als du" irgendwelcher Superindividualisten.
Das Netz
Gemeinsamkeiten machen das Leben leicht, Verschiedenheiten machen es interessant. Schönheit entsteht aus Kontrastreicher Harmonie und nicht aus Gleichförmigkeit. Wir brauchen keine Gleichschaltung, jeder von uns ist anders.
Unsere Gemeinsamkeit liegt in der gegenseitigen Anerkennung: Du bist nicht meine Projektion, Du bist Du. Du bist nicht wie ich und das macht dich interessant.
So kann ein sich selbstbewegendes selbstregelndes Netz entstehen mit sich immer wieder neu bildenden Mustern der verschiedensten Erfahrungen. Erfahrungen die wir genießen können, oder aus denen wir lernen können. Wir brauchen keine Thelema-Bewegung, wir bewegen uns schon selber.
von Harald
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